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Text Dennis Graemer und Antwort
Im Juli 2025 hat uns Dennis Graemer einen Text als Antwort auf den Text „Ziehen wir Sektengrenzen um unsere Projekte“ (erschienen im Newsletter #6, nachzulesen hier) geschickt.
Mit der Erlaubnis des Autors veröffentlichen wir hier seinen Text.
Unser Mitglied Odie hat einen Antworttext auf Graemers Antwort formuliert. Auch diesen veröffentlichen wir.
Dennis Graemer:
„Ziehen wir Sektengrenzen um unsere Projekte“, fragt Max, ein Aktivist der Kampagne für eine
sozialistische Partei. In seinem Artikel beschreibt er ein Problem aus der politischen Praxis: KSP-Kader hatten ein Projekts zur Lernhilfe in Leipzig auf die Beine gezogen und in diesem Kontext auch „Externe“ eingebunden. Zwar bestand das erklärte Ziel darin, die Lernhilfe als selbstständige Institution aufgenommen, dennoch entschieden sich die Aktivisten dazu, eine „externe“ Person auf ein KSP-Treffen mitzunehmen.
Das Ergebnis: Die Person war von den Inhalten der KSP wenig begeistert, und zog sich in Folge
auch aus den Zusammenhängen der Lernhilfe zurück. Daraus resultierte eine Debatte innerhalb
der KSP, die sich um folgende Frage dreht: „Inwiefern sollte unser aktuelles Ziel überhaupt sein, Leute aus unseren Projekten in die KSP zu holen?“
Um diese Frage zu beantworten sollten wir einen Blick auf die von Julius Martov und Arkadi
Kremer verfasste Aufsatz Ob Agitatsii (deutsch: über Agitation) werfen. Trotz seines
herausragenden Einflusses auf die sozialistische Bewegung wurde das 1893 erschienene
Pamphlet erst 2020 ins Englische übersetzt. Eine deutsche Übersetzung existiert bis heute nicht. Das ist schade, denn der Text bewahrt uns vor dem gewichtigsten Fehler, den Linke aller Zeitalter und Nationen permanent begehen. Er tut es, indem er genau jene Frage beantwortet, die Max in seinem Artikel stellt.
Ob Agitatsii ist ein Strategiepapier, das sich dezidiert nicht an die generelle Öffentlichkeit richtet, sondern „Leser aus den Kreisen der Intellektuellen und fortgeschrittenen Arbeiter“ adressiert. Die Autoren wollen eine eine zu ihrer Zeit hegemoniale Strategie sozialistischer Kräfte kritisieren und eine wirksame Alternative vorschlagen.
Kern der Argumentation bildet die Dichotomie der Begriffe „Propaganda“ und „Agitation“. Dabei
steht „Propaganda“ für den Versuch, sozialistische Ideen auf direktem Wege innerhalb der
Arbeiterschaft zu verbreiten. Agitation dagegen steht für die Organisationsarbeit an der Basis.
Diese Neigung zur Propaganda scheint ein natürlicher Impuls der Linken zu sein. Wer sich
esoterisches Wissen über gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse angeeignet hat, will dieses an andere weitergeben. Ein gutes Beispiel dafür liefern die Aussagen Rudi Dutschkes in seinem Berühmten Interview mit Günther Gauss. Dutschke sieht die Hauptaufgabe der Linken in der „Aufklärung über gesellschaftliche Tatbestände“. Die „nichtvorhandene Strukturierung von
Informationen“, welche er als Ursache für die Passivität der Massen sieht, soll durch Vermittlung des theoretisches Wissens „aufgebrochen“ werden. Selbst wo „Aktionen“ erwähnt werden, dienen sie allein dazu, „eine Öffentlichkeit zu produzieren, die diese Informationen zur Kenntnis nimmt“.
Martov und Kremer kritisieren diese Strategie der Propaganda aus einer materialistischen
Perspektive. Es ist unmöglich, die Masse der Arbeiterschaft für sozialistische Ideen zu gewinnen, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen für diese Ideen noch nicht realisiert sind. Das zurückgebliebene Bewusstsein des Proletariats ist nicht Ausdruck eines Mangels an Propaganda- und Lehrtätigkeit, sondern ein Spiegel des Klassenkampfes.
Die Propaganda ist jedoch nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich. Sie das Proletariat
und befördert zugleich die Sektenbildung unter den Intellektuellen. Die klügsten Elemente der
arbeitenden Klasse werden zu dogmatischen Mitgliedern der einen oder anderen linken
Splittergruppe erzogen. Was ist wirklich gewonnen, wenn wir ein paar Pflegekräfte, Grafikdesigner oder Fabrikarbeiterinnen dazu bringen, in ihrer Freizeit das „Kapital“ zu lesen oder – Marx bewahre – über den Nahostkonflikt zu streiten?
Am Ende zerstört eine auf Propaganda ausgerichtete Partei schließlich sich selbst. Irgendwann
nämlich bemerken die „Arbeiter-Intellektuellen“, dass sich der Großteil der Menschen nicht für ihre wunderbaren Ideen interessiert, dass ihre eigenen Kolleginnen keine Lust auf Sozialismus haben, dass man mit Marx-Schulungen irgendwie nicht an die Leute rankommt. Dann reagieren sie Martov und Kremer zufolge auf eine von zwei Weisen: Entweder sie machen ihr eigenes unzureichendes Theorieniveau für das Problem verantwortlich und „schlussfolgern, dass es notwendig ist mehr zu lesen und noch mehr zu lesen, um dann schließlich wieder loszugehen und die eigenen Ansichten der Masse zu vermitteln“. Oder aber sie suchen den Fehler bei der Masse und flüchten sich in eine Spirale des intellektuellen und moralischen Perfektionismus. Das Ergebnis ist in beiden Fällen eine noch vollständigere Abschottung der Kader von der
Mehrheitsbevölkerung, und daraus resultierend eine verschärfte diskursive Inkompatibilität.ꢀ
Jeder, der länger in linken Kreisen unterwegs war, kennt diese Phänomene.
Die Notwendigkeit des Sozialismus kann der Masse des Proletariats nicht durch Werbung,
Theorie, Aufklärung, Erziehung vermittelt werden. Das Gerede der Propagandisten kann kein
Bewusstsein erzeugen, denn dies vermag allein die „Schule des Kapitalismus“ beziehungsweise
die „Erziehung, die [das Proletariat] im Kampf sich aneignet“.
Der kapitalistischen Produktion ist inhärent, dass sie aus sich heraus einen Konflikt von Arbeit und Kapital generiert. In Bezug auf die Höhe der Löhne, die Arbeitszeiten, die Arbeitsintensität, und den Kündigungsschutz stehen sich die Interessen der Lohnabhängigen und die Interessen der Kapitalisten diametral gegenüber. In der Produktion, wo Arbeit und Kapital zusammenkommen, werden also nicht nur Waren hergestellt. Auch der Klassenkampf wird hier produziert. Er entsteht auf automatische, spontane, ja auf katatonische Weise aus den Verhältnissen selbst. „Dieser Kampf“, so Martov und Kremer, „ist der wichtigste erziehende Faktor der auf die arbeitende Masse wirkt und sie, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe, zur entscheidenden Kraft der Unterminierung des Systems macht“.
Alle Erkenntnisse werden auf bestimmten Stufen der Eskalation dieses organisch entstehenden,
systeminhärenten Kampfes gemacht. Der Gegensatz der Klassen Proletariat und Bourgeoisie wird
im direkten Interessenkonflikt zwischen streikenden Arbeiterinnen und unnachgiebiger „Arbeitgeberseite“ unmittelbar erlebbar. Die Funktion des Staates offenbart sich, sobald er sich durch die wiederholten Siege der Arbeiter dazu genötigt sieht, „die Maske abzulegen“ und offen für das Kapital Partei zu ergreifen. Analog zu Luxemburgs späteren Ausführungen in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften betrachten Martov und Kremer den Übergang des ökonomischen in den politischen Kampf als Teil einer einheitlichen, sich selbst verstärkenden Feedbackspirale.
Es ist nicht das richtige Bewusstsein, das den Klassenkampf generiert, sondern es ist der
Klassenkampf, der das Klassenbewusstsein erzeugt. Die Theorie kann das Proletariat nur dann
ergreifen, wenn sie mit jener Logik des Kampfes übereinstimmt, die von den Arbeitenden
lebensweltlich wahrgenommen wird. Das Bekenntnis zum Sozialismus wird also nicht als die
Voraussetzung des Kampfes gedacht, sondern als sein natürliches Ergebnis verstanden.
Die entscheidende Aufgabe der Sozialisten in diesem Kontext darin, das „politische
Selbstbewusstsein“ der Arbeiterinnen und ihr „Interesse an der politischen Freiheit“ durch aktive Unterstützung der Kämpfe an der Basis zu entwickeln. Heute verwenden wir dafür den Begriff „organizing“. Die Kämpfe und Probleme der Bevölkerung sind bereits da; es gilt, ihren Selbstorganisationsprozess aktiv zu unterstützen und zu befördern. Jeder weitere Sieg auf der Ebene der Basis erzeugt die Voraussetzungen für weitere Siege. Statt klassenbewusste Arbeiter zu Kadern zu machen, also die Energie aus dem Betrieb in den Lesekreis zu verpflanzen, müssen die Kader die Kämpfe der arbeitenden Klasse unterstützten, also Energie aus dem Lesekreis in den Betrieb und die Zivilgesellschaft pumpen. Dort wird sie sich vervielfachen.
(Dass die allermeisten Kader selbst Arbeiterinnen sind ist dabei unerheblich – Kader ist, wer als Kader rekrutiert wurde, also Nerds, Moralapostel, Leute wie wir. Kader gehören ökonomisch zum Proletariat, wurden aber nicht auf dem Arbeitsplatz rekrutiert, sondern als Mitglieder einer „lesenden Öffentlichkeit“.)
Martov ist im Prinzip nur als Kopf der Menschewiki bekannt, und wer von Kremer überhaupt
etwas gehört hat, assoziiert ihn allein mit seiner Rolle als Leitfigur des jüdischen Bundes. Doch in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts waren sie vor allem die Autoren der oben skizzierten Ideen, die als „Vilnius-Programm“ bekannt waren. Das Programm wurde schnell zur allgemeinen Strategie der Marxisten im russischen Kaiserreich. Der Aufstieg der Partei konnte beginnen. Martov und Kremer trugen also entscheidend zum Aufbau der Arbeiterbewegung im Zarenreich bei und organisierten bald darauf die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Die Partei Lenins und Trotzkis basiert also auf ihrer Vorarbeit.ꢀ
Das war eine Kampagne für eine sozialistische Partei.
Das Grundsatzprogramm der neuen KSP macht auf den ersten Blick einen propagandistischen
Eindruck. So will die Kampagne etwa „aufzeigen, inwiefern alle existierenden Parteien dem
Kapitalismus dienen und die Arbeiterklasse kleinbürgerlich-demokratischen Interessen
unterordnen“. Das klingt nach Rudi Dutschke, nach einer Strategie der „Aufklärung“, nach einer Flut von „Informationen“, welche die Masse hoffentlich irgendwann „zur Kenntnis nimmt“.
Sobald wir die Praxis der KSP beobachten zeigt sich jedoch, dass die Organisation in der Praxis ganz auf dem Boden des Vilnius-Programms steht. Ihr Kernanliegen ist der Aufbau selbstorganisierter zivilgesellschaftlicher Organisationen. Zwar ist sie (noch) nicht primär auf dem Boden des Klassenkampfes in der Produktion aktiv, doch ihr Vorgehen ist strukturanalog. Sie versucht nicht, die Menschen zu überzeugen, sondern sie zu organisieren. Projekte wie die Mietergewerkschaft oder die Lernhilfe sind keine Kaderschulungsprogramme, sondern Ansätze zur Schaffung einer unabhängigen Zivilgesellschaft. So, und nur so wird die materielle Basis des kommenden sozialistischen Bewegung erschaffen.
Der von Max erwähnte Verlust eines Mitglieds der Lernhilfe zeigt jedoch auf, dass dieses
Programm noch nicht vollständig internalisiert wurde. Zu tief sitzt anscheinend noch der linke Impuls zur Propaganda. Kommen wir also zur Frage: „Inwiefern sollte unser aktuelles Ziel überhaupt sein, Leute aus unseren Projekten in die KSP zu holen?“
Die Antwort lautet nein. Folgende Einsichten müssen internalisiert werden:
Erstens: Die Kaderorganisation unterstützt die Selbstorganisation der Basis nicht, um dadurch
(inhaltliche, politische) Kontrolle über diese Basis zu gewinnen, sondern allein deswegen, weil diese Selbstorganisationsprojekte ihrem Wesen nach dem Projekt des Sozialismus dienen.
Zweitens: Die Kaderorganisation versucht nicht, im Zuge der direkten Intervention ihre Ansichten, Analysen und Strategien zu verbreiten. Alle Interventionen, seien sie praktisch oder theoretisch, müssen allein darauf abzielen das jeweilige zivilgesellschaftliche Projekt voranzubringen.
Drittens: Die Kaderorganisation rekrutiert nicht aus ihren Projekten, sondern versucht im Gegenteil darauf hinzuwirken, dass sie möglichst viele Menschen in ihre praktischen Tätigkeiten einbeziehen können.
Die Geschichte hat gezeigt: Nur durch die Absage an die Propaganda und die Umsetzung einer
Strategie der Agitation können die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass sozialistische
Kräfte einen echten Einfluss auf jene Prozesse nehmen können, welche die Bedingungen für eine
klassenkämpferische Bewegung schaffen.
– Dennis Graemer
Odie:
Leb so dass es alle wissen wollen – eine Antwort auf Dennis Graemer
Ob Aktivisten aus den Projekten in die Kampagne für eine sozialistische Partei
rekrutiert werden sollten, ist seit ihrer Gründung eine intern umstrittene Frage. Dennis
Graemers Kommentar „Propaganda über Projekte“ vom 21.07.2025 nimmt eine
Anekdote aus dem letzten Newsletter der KSP zum Anlass, diese und andere Fragen
kritisch zu beleuchten.
Bei dem im Newsletter beschriebenen konkreten Fall handelte es sich zwar nicht um
eine „klassenbewusste Arbeiterin“, die durch verfrühte Propaganda verschreckt
wurde (wie Graemer implizit anzunehmen scheint), sondern um eine bereits
überzeugte Marxistin, die eine grundlegend konträre Haltung in Organisationsfragen
von der weiteren Zusammenarbeit abhielt. Doch Graemers begrüßenswerte
Intervention wirft Fragen auf, die über den konkreten Anlass hinausweisen.
Teil des KSP-Ethos ist das Vermeiden von unmotivierten Balgereien über
theoretische Fragen, die nicht konkret aus der KSP-Praxis erwachsen. Aus diesem
Grund gehe ich hier nicht auf die höchst einseitigen Vorstellungen Graemers
bezüglich der Entstehung und Radikalisierung von Klassenkampf unter den
gegenwärtigen Verhältnissen ein. Dem aufmerksamen Leser wird dieser
verblüffende Optimismus über den „katatonischen“ Charakter des Klassenkampfes
nicht entgehen.
Eine häufige Kritik an der KSP-Strategie beginnt mit der Feststellung, dass die
unabhängigen zivilgesellschaftlichen Projekte, selbst wenn sie sich selbst
reproduzieren und Massenwirksamkeit entfalten, keine Umwälzung der Verhältnisse
darstellen, sondern sogar mit den jetzigen kompatibel seien. Auf diese (unbestreitbar
zutreffende) Feststellung folgt meistens einer von zwei Einwänden:
1. Man betreibe lediglich unbezahlte Sozialarbeit, entledige den sowieso nach
sozialen Kürzungen lechzenden Staat seiner Aufgaben und sei damit eine Art
nützlicher Idiot für die Herrschenden.
2. Man müsse doch über genau diesen zivilgesellschaftlichen,
selbstorganisierenden, im Kern bürgerlich-liberalen Aktivismus hinausgehen,
ihn transzendieren, um eine tatsächliche grundlegende Umwälzung der
gesellschaftlichen Verhältnisse zu erzielen.
Auf den ersten Einwand ist nicht mehr zu erwidern, als dass es selbstredend das Ziel
der Sozialisten ist, den kapitalistischen Staat seiner Aufgaben zu entledigen.
Anfänglich erfolgt das nur häppchenweise und exemplarisch, wie der gegenwärtige
KSP-Aktivismus. Doch was sonst ist eine sozialistische Revolution, wenn nicht die
vollständige Entledigung des kapitalistischen Staates all seiner Aufgaben?
Diese Aufgaben zu übernehmen ist für die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten jedoch kein „Selbstläufer“. Sie muss bereit sein, Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft zu übernehmen.
Wer kann behaupten, eine „revolutionäre Kaderorganisation“ zu kennen, der man zutraute, die Arbeiterklasse durch eine revolutionäre Krise zu führen oder sich genuin konstruktiv am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beteiligen? Auch die erfolgreichsten Projekte, in denen die KSP aktiv ist, wie die Mietergewerkschaft oder die Freie Lernhilfe, sind meilenweit davon entfernt, „Wohnen“ oder „Bildung“ selbst zu organisieren.
Es gibt noch viel für uns alle zu lernen.
Der zweite Einwand ist richtig, doch nur wenn aus ihm auch die richtigen Schlüsse
gezogen werden. Natürlich muss über den engen bürgerlichen Horizont einer Mietergewerkschaft, Lernhilfe etc. hinausgegangen werden. Über etwas hinauszugehen ist jedoch nur möglich, wenn man es vollkommen durchgearbeitet und „vollendet“ hat, beziehungsweise wenn die Vollendung trotz mühevoller Arbeit immer gleich weit entfernt zu bleiben scheint.
Die Überwindung des bürgerlichen Horizonts des KSP-Aktivismuses ist nur durch
seine praktische Vollendung möglich. Wenn der bürgerlich-liberale Aktivismus Zeitverschwendung ist, da er aus sich selbst heraus nicht ausreicht, um die jetzige Gesellschaft zu überwinden, wie soll man dann nennen, was diejenigen Linken mit ihrer Zeit treiben, die nicht einmal bereit sind, sich an solchen und ähnlichen Initiativen zu beteiligen?
Je mehr Hände an Deck, je besser organisiert, ausgeführt und vernetzt der jetzige Aktivismus der KSP (und anderer) stattfindet, desto schneller steuern wir auf einen Punkt zu, an dem man tatsächlich, in der Welt, in der Praxis über diesen Aktivismus hinausgehen kann und muss.
Ihn theoretisch zu überwinden und praktisch zu vermeiden, heißt tatsächlich noch weit hinter ihn zurückzufallen – das ist der tatsächliche Inhalt des zweiten Einwands.
Der Kommentar von Dennis Graemer sagt sich von solchen theoretischen Untermauerungen der eigenen Trägheit los und rät uns, wenn wir ihn „gegen den Strich“ und „für KSP-Zwecke“ lesen:
1. Verschont die Leute, die ihr in den Projekten trefft, mit Propaganda und Bekehrungsversuchen. Niemand kriegt gerne Antworten auf Fragen, die sich ihm nicht selbst stellen. Oder wie es eine der besten deutschen Punkbands einst formulierte: „Sprich nicht drüber, außer wenn dich jemand fragt – Leb so, dass es alle wissen wollen.“
2. Bietet jungen Linken die Möglichkeit, aus ihren Lesekreisen oder pseudopolitischen Protestaktionen hinein in die Gesellschaft zu kommen, lotst sie in die Projekte und begleitet sie bei der Entwicklung, die diese praktische Arbeit in ihnen auslöst.
3. Verschwendet keine Zeit und Energie auf ideologische Spiegelgefechte, sondern gebt alles, was ihr habt, für die praktische Arbeit in den Projekten. Wer morgen die Kämpfe der Arbeiter vermitteln, organisieren, koordinieren oder transzendieren will, muss sie heute mit ihnen anzetteln, hegen und pflegen.
Zur Ausgangsfrage der Rekrutierung von KSP-Mitgliedern aus den Projekten: Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand aus der Lernhilfe zum KSP-Stammtisch kommt, den strategischen Ansatz sinnvoll statt blödsinnig findet und sich anschließt statt abkapselt.
Man sollte weder paranoid sein, auf Nachfrage und Interesse Kontakte aus den Projekten zu KSP-Treffen einzuladen, also künstliche Mauern zwischen Projekt- und KSP-Aktivisten bauen, sollte aber auf keinen Fall aktiv versuchen, in den Projekten für die Kampagne zu rekrutieren – beides Wege zurück ins Sektierertum.
Im Großen und Ganzen werden die Projekte ein indirektes Mittel zur Rekrutierung bleiben, insoweit sie eine gewisse Beispielhaftigkeit und Strahlkraft besitzen und tatendurstige Linke überzeugen können, sich unserer Arbeit anzuschließen. Je mehr die Projekte wachsen und gedeihen, desto leichter wird es auch, an die Schichten erfahrener ehrenamtlicher Aktivisten zu kommen, die tatsächlich seit Jahren oder Jahrzehnten großartige Arbeit in Kirchen, NGOs oder anderen nichtsozialistischen und nichtlinken Institutionen machen, deren Überlaufen ein
neues Niveau der gesellschaftlichen Selbstorganisierung ermöglichen könnte.
Erst dann könnte die Kampagne nicht nur junge Linke als Aktivisten schulen, beispielhaft aufzuzeigen, welche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erschlossen und organisiert werden müssten, um eine proletarische Bewegung für den Sozialismus zu ermöglichen, sondern die Schritte gehen, die praktisch auf die Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus verweisen.
