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KONVERSATIONEN # 9

Wir dokumentieren im Folgenden eine Unterhaltung zwischen Jim Igor (KSP-Mitglied aus Frankfurt) und einem Follower vom 04.06.2025.

Wieso legt ihr Wert darauf, dass die zivilgesellschaftlichen Projekte sich unabhängig von der KSP organisieren?

Jim Igor

Hi, das hat viele, zusammenhängende Gründe, weshalb ich mal etwas aushole.
1. wollen wir mit diesen Projekten Modelle einer vom Staat unabhängigen Zivilgesellschaft aufbauen. Uns geht es darum, dass diese Organisierung stattfindet, und nicht nur darum, sie als
etwas aufwändigere Werbekampagne zu benutzen. Die Projekte sollen nicht uns den Zugriff auf die Köpfe der Leute verschaffen, sondern den Leuten selbst Zugriff auf ihre Köpfe, das heißt, sie dem
Zugriff kapitalistischer Parteien zu entziehen. Es geht darum, dass sie sich selbst ein Urteil bilden und nicht abhängig von den Urteilen anderer sind. Für die Sozialisten war die einzige Ressource der
Revolution das Bewusstsein der Massen. Das ist unvorstellbar für Linke heute. Die Vorstellung ist meistens so, dass die Leute Roboter sind, die von den regierenden rechten Parteien falsch (rechts)
programmiert werden, und es bräuchte Linke, um sie besser (links) zu programmieren. Die Option von tatsächlicher Selbstorganisation (der Arbeiterklasse, if you want), dass die Leute nicht einfach besser verwaltet (regiert) werden müssen, sondern sich selbst regieren könnten, ist vom Horizont verschwunden. Diesen Horizont wollen wir wieder öffnen: dass wir keine besseren Herren brauchen, sondern keine.

2. weil die Projekte nicht limitiert auf unser (linkes) Milieu sein sollen. Wir wollen Orte schaffen, wo sich die Gesellschaft trifft und organisiert, nicht wo wir uns selbst bespaßen und verzerrte
Spiegelbilder unserer eigenen Ideologie kultivieren. Es ist ohnehin sehr schwer für Linke, mit der Realität in Kontakt zu kommen, weil sie Ansichten vertreten, die von normalen Menschen (der sogenannten Arbeiterklasse) als absurd empfunden werden. Noch schwerer ist es dadurch, dass Linke meist gar nicht mit den Leuten in Kontakt treten möchten. Das scheint mir die unbewusste Hauptfunktion davon, gleich durch ein Logo das Milieu festzulegen, das willkommen ist (nämlich
Linke, die der eigenen Meinung sind) und entsprechend auszuschließen, wer nicht willkommen ist (normale Menschen, gerne zusammengefasst als AfD oder gleich Faschisten). Es ist jedenfalls das sicherste Mittel, um nicht mit der Gesellschaft in Kontakt zu treten. Wenn die Leute, die in der Mietergewerkschaft oder der Lernhilfe aktiv sind, dazu in einem sozialistischen Projekt subscriben müssten, würden die Organisationen nicht existieren. Ich glaube, die Isolierung der Linken von der Gesellschaft ist so naturalisiert, dass vielen überhaupt nicht bewusst ist, wie realitätsfern das, was Linke denken, für die Leute – Bürger, Arbeiter – ist. Sie belächeln das.

3. belächeln sie es zurecht: Wir als Kampagne gestehen uns ein, dass wir als Linke den Leuten nichts anzubieten haben, weder theoretisch noch praktisch. Wenn wir also mit Leuten außerhalb der Linken in Kontakt treten wollen, dann nicht, um ihnen etwas beizubringen, sondern um von ihnen zu lernen. Die Projekte sind die organisierte Frage nach der Gesellschaft und den Bedingungen (der Möglichkeit und Notwendigkeit) des Sozialismus heute. Diese Frage stellen sich unsere Leute in den Projekten, genau wie sich andere – Christen, Konservative, Liberale… – darin ihre Fragen stellen. Wenn wir von davon sprechen, Kader auszubilden, meinen wir uns selbst, und nicht, dass wir irgendwelche Leute ausbilden würden. Wir müssen zuallererst uns selbst ausbilden, wir sind diejenigen, die etwas über Gesellschaft lernen müssen und sind nicht in der Position, ihr etwas
beizubringen. Wir können aber nichts lernen, wenn die Organisationen, die wir dafür aufbauen, von Vornherein identisch mit dem ist, was wir so denken. Ich glaube, man muss die Nichtidentität aushalten, nicht alles kontrollieren zu können. Beim Sozialismus geht’s um Freiheit und auch um den Mut, sich selbst zu verändern und nicht sich gegen die Veränderungen der Realität zu immunisieren. Wir wollen uns nicht weiter einnisten, sondern aus dem jahrzehntelangen regressiven
Kreislauf linker Selbstbespaßung austreten.

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