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KONVERSATIONEN # 7

Wir dokumentieren im Folgenden eine Unterhaltung – in Reaktion auf unseren Post vom 1. August
2024 – zwischen Alex und Max (KSP-Mitglieder aus Frankfurt & Leipzig) und einem Follower.

Ich habe gerade diesen Post gelesen und mich gefragt, was ihr genau mit den zivilgesellschaftlichen Institutionen meint? Die Kritik an KO, KA etc. hinsichtlich der Loslösung von Praxis finde ich richtig, aber birgt der reine Fokus auf zivilgesellschaftliche Organisationen (so wie ich das gerade verstehe, Mietergewerkschaften etc.) nicht die Gefahr, sich in einzelnen Kämpfen zu verlieren und gerade das, was eine Partei leisten soll, diese Kämpfe zusammenzuführen, zu verpassen. Es braucht ja abseits der alltäglichen Kleinarbeit in der Bevölkerung auch den Aufbau der Parteistrukturen selbst, der auf gewissen politischen Grundlinien und Organisationsprinzipien aufbaut.

Alex

Hallo, danke für die Nachfrage! Mit zivilgesellschaftlichen Institutionen meinen wir, genau wie du sagst, vom Staat unabhängige Organisationen, in denen die Leute (das Proletariat) für ihre
Interessen kämpfen (z.B. Mietergewerkschaft) oder ihre Welt selber gestalten können (z.B. Freie Lernhilfen). Der Aufbau dieser Orgas ist tatsächlich sehr kleinteilig. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass die Arbeit in der Zivilgesellschaft den Aufbau einer tatsächlichen sozialistischen Partei, die die Kämpfe zusammenführt, vorbereitet. Denn 1. verankern sich die Linken durch diesen Aufbau in der Klasse und beweisen, dass sie ganz unabhängig von Wahlkämpfen/Demoaufrufen
etc. an der Seite der Leute kämpfen und 2. sind diese zivilgesellschaftlichen Organisationen sozusagen das Feld, auf dem eine sozialistische Partei später wird agieren können.

Dass das innerhalb der Institutionen des kapitalistischen Staats nicht funktioniert, zeigt die jüngere Vergangenheit („Marsch durch die Institutionen“). Aber klar: Irgendwann wird aus der Kampagne
für eine Partei eine Partei werden müssen, dann werden Parteistrukturen und ggf. gewisse politische Grundlinien nötig. Jedoch macht es keinen Sinn, sich jetzt darüber zu zerstreiten, ob diese Parteistruktur zentralistisch/ demokratisch/demokratisch-zentralistisch/ rätedemokratisch etc. sein soll. Diese Debatten hätten keinen Einfluss auf irgendwas in der Welt und würden uns nur die Kapazitäten für den Aufbau rauben. Vielleicht (ganz vielleicht) können die Strukturen in der KSP (Koordinierung zwischen den Projekten, Wissensweitergabe, Ortsgruppen) Keimzellen für spätere
Parteistrukturen sein. Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt gilt es, Freude am gemeinsamen Aufbau zu entwickeln. Dies sind meine persönlichen Einschätzungen und Formulierungen. Liebe Grüße aus
Frankfurt, Alex

 Ich sehe dabei halt die Gefahr, dass sich gewisse Organisationsprinzipien in dem jetzigen Prozess etablieren, die später dann sehr schwer aufzubrechen sind. Es ist klar, dass der Fokus jetzt schon auf der Arbeit in den Massen liegen muss, aber wenn es darum geht taktische und strategische Entscheidungen zu treffen, wie diese Arbeit aussehen kann, damit sie auch etwas bewirkt, braucht
es ja eine Organisation mit Strukturen, die nach festen Prinzipien aufgebaut ist. Der Demokratische Zentralismus ist so ein Prinzip und ich denke die Herausforderung ist es, den gut anzuwenden, so dass wo immer es geht der demokratische Aspekt überwiegt, aber wenn es nötig wird eben auch der zentralistische Aspekt funktioniert. Aber das lässt sich ja nicht von einem auf den anderen Tag einführen, sondern muss erprobt werden. Ebenso wie der von dir angesprochene Wissenstransfer.
Meine Erfahrung ist, dass überall dort, wo man auf Organisationsprinzipien verzichtet, sich früher oder später informelle Hierarchien herausbilden, bei denen sich einige wenige dann zur nicht demokratisch-legitimierten Führungspersönlichkeiten
aufspielen. Damit können dann Machtmissbrauch und politisch falsche Entscheidung einhergehen, die die Existenz der Organisation auch gefährden können.

Max

Hallo, Max aus Leipzig hier. Natürlich gibt es die Gefahr, dass sich schon jetzt bestimmte Strukturen bilden, die irgendwann verknöchern und die organische Entwicklung zu einer größeren Organisation ausbremsen oder verhindern. Wie ich es sehe, gibt es nur zwei Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken – einerseits, indem alles an „Institutionen“ bzw. „Ämtern“ nur etabliert wird, wenn es unbedingt notwendig ist und einen konkreten Zweck hat (wie dass sich jemand
beispielsweise für das Organisationskonto zuständig fühlt (und nicht mal diese Funktion brauchen wir bis jetzt, weil wir fast nie zentrale Ausgaben haben)) und diese Art von Mini-Bürokratie damit so winzig wie möglich gehalten wird und indem andererseits jede Struktur zu jeder Zeit vor diesem Hintergrund kritisierbar bleibt und von allen infrage gestellt werden kann. Die Kampagne ist wirklich meilenweit davon entfernt, eine zentrale Hierarchie zu benötigen. Wir haben eine Person als jährlich neu gewälten Vorsitzenden (was aber nicht mit wirklichen Befugnissen einhergeht), eine Mitgliederversammlung, die einmal im Jahr über Organisatorisches abstimmt, und eine Chatgruppe,
in der wir uns hin und wieder intern beratschlagen. Alles andere läuft in den Projekten ab.

Hypothetisch bin ich bei dir, dass der demokratische Zentralismus vielleicht später ein Bezugspunkt sein könnte, allein schon weil er für alle sozialistischen Massenparteien bis 1914 anscheinend gut
funktioniert hat, aber er ist als Organisationsprinzip über Jahrzehnte organisch gewachsen und war an den konkreten politischen Notwendigkeiten orientiert (Lenin hat in „Was Tun“ eigentlich nur für
sein russisches Publikum zusammengefasst, was im Westen schon lange Common Sense war). Und genauso werden wir vorgehen müssen – wir werden schauen müssen, vor welchen Problemen wir stehen werden und wie wir sie als Organisation gelöst bekommen. Denn die Alternative wäre, wie Alex ja schon geschrieben hat, sehr viel Energie und Zeit in hypothetische Überlegungen zu stecken – und es sind schon mehr als nur ein paar Gruppen während dieser Trockenschwimmübungen ausgebrannt. Diesen Weg wollen wir vermeiden und dafür wäre mir meine eigene Zeit auch zu schade.

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