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KONVERSATIONEN # 20
Unsere Mitglieder Maximilian (München) und Alex (Frankfurt) diskutieren mit einer Interessierten über unsere Ziele als Kampagne. Vom 11.08.2026
Vals
Hallo, ich habe mal eine Frage. Wie ich das Ziel der KSP lese, geht es um
• eine experimentelle Ergründung der Frage, ob eine Notwendigkeit für eine Partei und den
Sozialismus besteht, bei gleichzeitiger
• Schulung der Mitglieder zu Sozialist_innen durch Praxis, ich nehme an für einen Tag X, an
dem die Frage der Parteigründung sich stellt, und
• Schaffung und Stärkung einer von Staat und Kapital unabhängigen Zivilgesellschaft
Diese Ziele entspringen der Analyse, dass die Zivilgesellschaft völlig unvorbereitet ist für eine Politisierung, Artikulation eigener Interessen und eine sozialistische Grundhaltung. Richtig? Ich frage mich dahingehend, wie genau diese ‚Schulung zum Sozialisten‘ durch die Praxis geschehen soll, was man dabei konkret lernen kann [Plakativ gesagt: Geht es darum, dass Linke auch soziale Kompetenz und Volksnähe sich aneignen?] Wie hilft eine zunächst ‚apolitische‘ Arbeit in einem zivil-Projekt dabei? Wie geht man damit um, wenn die Leute, mit denen man dann zu tun hat, schon sehr konkrete rechte Weltanschauungen haben oder vielleicht nur rechte Talking Points bedienen? Auch frage ich mich, wie die Erfahrungen aus den Projekten letztendlich im Aufbau der Partei dienlich sein sollen, und wenn ja, auf welche Weise? Entschuldigt, falls diese Fragen schon tausend Mal kamen. Liebe Grüße
Maximilian
Hallo Vals, für Fragen musst Du dich keineswegs entschuldigen 🙂
Ich würde aus meiner eigenen Erfahrung behaupten, dass es durchaus eine lebendige Zivilgesellschaft in Deutschland gibt. Aber diese Zivilgesellschaft wird geschwächt durch die Unfähigkeit vieler, sogar „Erfahrener“, langfristig für die eigenen Interessen einzustehen. Das ist leider die frustrierende Erfahrung in meinem Aktivisten-Alltag. Es gibt wirklich viele politisch denkenden Leute, aber die praktischen Skills, aus der Unzufriedenheit über schlechte Zustände eine kollektive Aktion zu machen sind sehr rar gesät.
Schulung zum Sozialisten – damit meinen wir in erster Linie uns selbst. Denn von der eben angesprochene Schwäche sind wir genauso betroffen. Wir wissen erst mal nicht, wie man eine Massenbewegung aufbaut, geschweige denn wie man eine dauerhafte Aktion vor Ort organisiert, die mehr ist als ein Banner-Drop oder eine einmalige Demo. Ich lerne in der Mietergewerkschaft jeden Tag neues. Es geht also erst mal ganz praktisch um die „skills“. Und diese „technischen skills“ braucht man auch, um eine Partei aufzubauen: Menschenführung, Kommunikation, juristisches Wissen, all diese Dinge.
Der „apolitische“ Ansatz ist m.E. wichtig, weil er keine Hürden für unsere Projekte setzt. Keep it simple. Damit hoffen wir, in kurzer Zeit, möglichst viele Leute zur gemeinsamen Arbeit einzuladen. Bei der MG z.B. kann jeder mitmachen, der Mieter ist und sich mit seinen Nachbarn für ein Ziel einsetzen will. Gleichzeitig haben wir auch ein spezifisches Interesse an ideologischer Offenheit:
die Menschen sollen in den Projekten zusammenkommen und unterschiedliche Meinungen/Lösungen zu den dort bearbeiteten Problemen artikulieren dürfen. Und sie sollen vor allem den Freiraum vorfinden, neue, eigene Vorstellungen und Ideen z.B. zur Lösung der Wohnungsfrage entwickeln zu können. Das wäre das Umfeld, in dem der Sozialismus wieder gedeihen könnte. Sozialismus kann nicht in einer „sterilen“ Umgebung wachsen, in der es auf fast
alles schon eine Antwort gibt. In den Projekten lernen wir also viel über uns selbst und gleichzeitig auch über unsere Gesellschaft. Ohne die Erfahrungen in der MG hätte ich ein anderes, vielleicht „unrealistischeres“ Bild der Gesellschaft. Zumindest meine ich, deutlich mehr über diese Dinge gelernt zu haben, als aus dem Konsum von Büchern oder Medien.
Du hast ja noch gefragt, wie man damit umgeht, dass Leute „rechtes“ Gedankengut haben. Ehrlich gesagt, ist das für mich kein Issue. Ich muss es erst mal hinnehmen. Würde ich es nicht hinnehmen, müsste ich „Regeln“ aufstellen, wer noch mit mir zusammenarbeiten darf. Und das würde wieder
Hürden setzen. Nein, wichtiger ist es doch, mit den Menschen direkt zusammenzuarbeiten und ihnen andere Wege aus der Misere aufzuzeigen als im stumpfen Ausländerhass zu versinken. Das kann man aber nur, wenn man den „inneren Sprachpolizisten“ zu Hause lässt.
Meine Erfahrung ist leider, dass genau diese beiden Punkte bei vielen anderen Linken immer wieder für Kritik sorgen. Mir wurde z.B. vor kurzem vorgeworfen, dass wir die Mieter „alleine lassen“ würden. Warum? Weil wir nicht gleich die „richtigen“ ideologischen Deutungsmuster mitliefern würden. Wo ich mich frage: Wie soll die Selbstbefreiung der Arbeiterklasse geschehen, wenn wir gleich mit dem Anspruch auftreten, es sowieso besser zu wissen? Von dieser Haltung versuchen wir uns als KSP zu emanzipieren.
Vals
Aber kann sich das nicht verheerend auf die rechte Formierung auswirken? Wir sehen ja schon seit mindestens Corona, wie rechte Kräfte politisch linke Themen (Staatskritik, Krieg und Frieden, Preissteigerungen) für die Straße kapern. Ich bin ja auch dafür, Leuten möglichst große Freiheit dabei zu lassen, selbst zu ihren Schlüssen zu kommen, aber wer garantiert, dass Leute die Projekte nicht für rechte Propaganda nutzen oder sich nach rechts positionieren?
Alex
Das garantiert a priori niemand, aber die Projekte sind ja auf solidarische Organisation und Interessenpolitik (im weitesten Sinne) ausgelegt. In der Praxis sind meiner Erfahrung nach rechte Umtriebe da einfach viel weniger präsent als im politischen Diskurs. Die AfD gewinnt vielleicht auf Facebook, aber bei der Mieterversammlung hat sie keine Chance. Gemeinsames Lernen im Viertel, gemeinsames Zeichnen, Interessenpolitik gegen den Vermieter, Kinderbetreuung beim Streik – wer da mitmacht, hat schon den ersten schritt raus aus den Fängen der AfD gemacht.
Vals
Danke für die schöne Antwort.
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