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KONVERSATIONEN # 15

Unsere Mitglieder Tobias (Köln), Viola, Alex und Jim Igor (alle Frankfurt) sowie Max (Leipzig) diskutieren mit anderen in unserer offenen Austauschgruppe, nachdem jemand am 3.12.2025 gefragt hatte, wo Werke von Josef Stalin erhältlich sind.

Buni

Ich finde es auch wichtig zu erwähnen das die einzigen Werke, die Stalin veröffentlicht hat, die das Lesen wert sind, vor 1917 geschrieben wurden, die Werke danach sind generell geprägt davon dass Stalin versucht auf seinen Pfad zur Machtergreifung aufzubauen und seine Positionen kontinuierlich anpasst, natürlich gab es Machtpositionen innerhalb der Bolschewiki vor 1916, aber erst ab diesem Zeitpunkt scheint Stalin sich für den Kampf um diese Machtpositionen auf einer theoretischen Ebene zu interessieren.

Wie Bukharin gesagt hat „Stalin ist ein prinzipienloser Ränkeschmied, welcher alles der Erhaltung seiner Macht unterwirft. Er verändert seine Theorie je nachdem wen er loswerden muss.“

Ich würde generell sagen dass man Stalins Werke eher zur Kritik lesen sollte aber er ist auch wirklich einfach zu lesen und ich würde es jemanden der gerade anfängt nicht verwehren Stalins Werke die er vor 1917 geschrieben hat übelnehmen, besonders auch weil er deutlich leichter zu lesen ist als Marx, Engels, Luxemburg, Liebknecht, Lafaurage, Rühle, Lenin, Mattick, etc. das ist aber auch das Resultat davon dass Stalin viele der Konzepte in diesen Werken vereinfachte auf Arten die später auch von ihm missbraucht wurden.

Tobias

Liebe Leute, könnten wir uns in diesem Chat wieder lösen von historischen und abstrakt theoretische Debatten, die mit der Kampagne nur entfernt zu tun haben? Es gibt etliche Foren in denen diese Fragen behandelt werden. „Dies ist die offene Gruppe der KSP. Hier können Fragen gestellt, Aufgaben verteilt und Infos ausgetauscht werden. Ladet gerne Interessierte ein. Lasst uns gemeinsam streiten und die #GesellschaftOrganisieren“

So heißt es in der Gruppen Beschreibung und ich bitte dies zu respektieren. Falls Austausch zu Stalin und der Exegese seines Werkes besteht, würde ich bitten dafür ein Angebot zu schaffen und diese Gruppe nicht über Gebühr Zweck zu entfremden. Vielen Dank!

Erika

Finde das ist eine große Schwäche der Kampagne, dass man diese sehr wichtigen historischen Fragen als etwas abstraktes abtut, als hätte das mit uns nichts zu tun. Wenn wir die Geschichte unserer Bewegung nicht verstehen dann wird das mit ihrem Aufbau heute nichts.

Stalin ist es zu verdanken, dass die Sowjetunion überhaupt so lange bestanden hat, indem er die gegen Opportunisten wie Bukharin verteidigt hat und später dann gegen den deutschen Faschismus. Er hat die SU industrialisiert, den Leninismus definiert und den Trotzkismus besiegt. Wenn man jemanden zitieren will um Stalin zu beurteilen dann Mao der sagte, dass Stalin zu 70% Recht hatte und zu 30% Fehler gemacht hat.

Alex

Die Fragen sind so lange abstrakt, bis sie sich wieder konkret stellen. Und um da hin zu kommen, schlägt die KSP eine Strategie vor. Historische, politökonomische etc. Bildung finde ich zwar ebenfalls essenziell für uns alle, die wir SozialistInnen sein wollen, aber Streit um historische Fragen darf eben kein Pseudoersatz für praktischen Aktivismus werden (was er, seien wir ehrlich, oft ist). Darum würde auch ich darum bitten, diese Gruppe zur Vernetzung und für den Aktivismus betreffende Fragen zu verwenden.

Erika

Ja, und die Frage die sich stellt ist doch: baut man eine Organisation – in Theorie wie in Praxis – auf dem Marxismus auf (wie die Geschichte gezeigt hat kann man so Revolution machen) oder baut man sie nach irgendwie zusammen gesammelten Ideen auf, die die Geschichte ignorieren und das Verhältnis einseitig zu Praxis auflöst.

Viola

Also ich wage mal zu bezweifeln, dass eine eine via Telegram in wenigen Sätzen geführte Debatte darüber, ob man in der Bewertung von Stalins Texten Bukharin oder Mao folgen müsse, viel mit Theorie zu tun hat – geschweige denn dass diese „Theorie“ in einem dialektischen Verhältnis zu irgendeiner Praxis steht.

Das zeigt aber ganz gut, warum es unbedingt notwendig ist, theoretische Fragen wieder so zu stellen, dass sie praktische Relevanz haben. Es mag frustrierend und ungewohnt sein, die „großen“ Fragen nicht mehr auf dem Lesekreis-Sofa oder vor dem flimmernden Bildschirm und generell in

Kontexten zu diskutieren, wo es keine schwerwiegenden Konsequenzen hat, wenn man mit seiner Theorie daneben liegt, sondern sich die Arbeit zu machen, sie auf die zu diesem Zeitpunkt noch beschränkten Felder anzuwenden, in denen man aktiv ist. In meiner Arbeit für die Mietergewerkschaft zeigt sich, dass dadurch auch Menschen, die bisher keine Berührung mit marxistischer Theorie hatten, ein Verständnis und Bewusstsein entwickeln.

Führt das zur Vulgarisierung der Theorie? Das müssen wir natürlich immer wieder reflektieren, aber die Gefahr scheint mir nicht größer zu sein als im Lesekreis/Chat, und ich bin überzeugt, dass der Ansatz schlussendlich auch unsere analytischen Fähigkeiten entwickelt.

In Ermangelung eines besseren Ausdrucks bezeichnen wir diese Praxis als „zivilgesellschaftlichen Aufbau“, was vielleicht zu dem Missverständnis führt, dass wir bei Nachbarschaftsarbeit und Co. stehenbleiben. Beim jetzigen Stand der Organisierung der Werktätigen müssen wir aber im Kleinen beginnen, Handlungsmacht (und damit auch unser Denken) zu entwickeln, bevor die Kämpfe auf einer höheren Ebene zusammenführen können. Das ist der Versuch der KSP, denke ich. Er ist mühsam und verlangt uns auch in diesem Chat ziemliche Disziplin ab. Ihr seid herzlich eingeladen, euch unserem Versuch anzuschließen, aber bitte führt die Lesekreis-Diskussionen in einer anderen Gruppe.

Stefan 

Ich sehe in der von Viola herausgestellten Stärke tatsächlich eine große Schwäche des Ansatzes. Ich denke, dass Praxis nicht ohne das Nachdenken darüber funktioniert, was man am Ende erreichen will. Man kann ja z.B. schon gewinnbringend darüber diskutieren, wie man in einer heterogenen Gruppe dazu kommt am Ende eine Partei mit einer gemeinsamen Linie zu gründen. Ich denke aber, dass z.B. Diskussionen zu Stalin hier meist nicht mehrheitsfähig sind. Damit will ich nicht abstreiten, dass man diese Diskussionen nicht auch durchaus gewinnbringend diskutieren kann, dafür sollte man aber schon gewisse Punkte ausdiskutiert haben. Dafür sehe ich aber alleine einfach schon zu viele unterschiedliche Positionen in dieser Gruppe vertreten.

Ich denke, dass es ja durchaus Möglichkeiten gibt, beides zu vereinen (Berichte aus der Praxis und theoretische Diskussionen). Ich finde aber auch, dass in letzter Zeit wenig zu Praxis kam

Edit: ist nicht unbedingt der Punkt von Viola. Ich meine eher, dass ich es falsch finde, dass eine gemeinsame Praxis das Ziel ist, ohne zu klären, wie man gemeinsam eine politische Stärke (z.B. in einer Partei) entwickelt.

Jim Igor

Die Kampagne verfolgt einen völlig neuen Ansatz im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten von Protest- und Sektenaktivismus. Der Grund dafür ist, dass diese Ansätze nicht erfolgreich waren. Wir haben aber auch nichts dagegen und halten niemanden auf, sich mit „Theorie“ zu beschäftigen oder auf eine Demo zu gehen, und viele unserer Mitglieder machen so was auch. Nur eben nicht im Rahmen der Kampagne. Im Rahmen der Kampagne besprechen wir unsere Erfahrungen im zivilgesellschaftlichen Aktivismus und stellen die Frage nach der Beziehung des Aktivismus zu unserem Ziel, dem Sozialismus.

Das, was uns als Mitglieder in diesem Gespräch diszipliniert, sind weder sektiererische Lehrsätze (pseudo-)marxistischer Strömungen, noch die Spaltungslinien der kapitalistischen Parteien, sondern die zivilgesellschaftliche Aktivität und die Erfahrungen, die wir dort machen. Sie haben meist nichts oder kaum mit Lenin, Trotzki und Stalin, auch kaum mit Marx zu tun. Wir sind in der Praxis an einem Punkt, an dem sich diese Fragen nicht stellen: Jetzt dem Sozialismus auszumalen, die Einheits- oder Volksfront auszurufen, sich auf die Seite dieser oder jener Partei im Weltgefüge (Ukraine, Israel, Palästina, Russland, Venezuela, USA, China…) zu stellen, oder die Prinzipien des demokratischen Zentralismus in eine Gruppe von wenigen Dutzend Menschen zu implementieren, wäre Realitätsverweigerung.

Es ist nur deshalb keine Realitätsverzerrung, weil sich, aus guten Gründen die Leute nicht dafür interessieren. Sich die Realität zu Bewusstsein zu bringen, wäre aber die Funktion von Theorie. Diese Realität gilt es bewusst hervorzubringen, statt sie sich einzureden. Die Realität, die der Gegenstand von Theorie wäre, wäre die im Klassenkampf konstituierte Arbeiterklasse. Die Aktivität der KSP versucht, diesen Gegenstand hervorzubringen. Das ist der nächste Schritt, und wenn man den zweiten Schritt vor dem ersten macht, überspringt man die Realität. Damit ist man aber nicht der Realität voraus, sondern delulu: von der Realität abgehängt und sie macht ohne einen weiter. Das ist die Sackgasse, in der der linke Aktivismus der letzten Jahrzehnte gelandet ist. Die KSP schlägt einen Ausweg vor.

Stefan 

Als ob es nichts zwischen dem Ziel des Sozialismus und jetzt geben würde… Deine Haltung ist die Definition einer Leerstelle. Wenn man schon dadurch die Realität überspringt, dass man diskutiert wie man sich als Partei konstituiert, weiß ich auch nicht weiter. Warum soll dann überhaupt eine sozialistische Partei gegründet werden?

Jim Igor 

 

Genau das sind die Fragen, die wir praktisch angehen. (Wir wissen auch nicht weiter, deshalb gibt es uns, wir glauben nur nicht, dass wir diese Leerstelle theoretisch füllen können, sondern dass sie praktisch verändert werden muss).

Max 

 

„Warum überhaupt eine sozialistische Partei gegründet werden soll“ ist ein bisschen die Grundfrage unseres Aktivismus – unser Claim ist: „Wir erkunden, ob politisches Interesse für den Aufbau einer sozialistischen Massenpartei in Deutschland organisiert werden kann.“ (siehe unsere Website) und die Idee dabei ist: die Notwendigkeit der Gründung einer sozialistischen Partei müsste sich real, praktisch, politisch zeigen, etwa dadurch, dass sich bedeutende Teile der Gesellschaft (bzw. Arbeiterklasse) unabhängig vom Staat organisieren, dabei an politische Hindernisse stoßen und beginnen, sich darüber bewusst zu werden. Ich würde sagen: Es gibt aktuell keinerlei Notwendigkeit oder Begründung dafür, eine sozialistische Partei zu gründen. Ob wir sie irgendwann notwendig machen können ist eine offene Frage.

Falls auch Du uns eine Nachricht schreiben willst, dann kannst Du dies über unseren Instagram-Kanal oder über unsere offene Telegram-Gruppe tun.

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