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KONVERSATIONEN # 16
Wir dokumentieren im Folgenden eine Unterhaltung zwischen dem interessierten Beobachter Tse und den KSP-Mitgliedern Alex aus Frankfurt, Rudi aus Freiburg, M, Maximilian aus München und Jim Igor, ebenfalls aus Frankfurt, vom 19.11.2025 auf folgende Frage:
Tse
Lieber Maximilian, ich weiß nicht, ob das hier der Raum für ‚Diskussion‘ ist – falls nicht, gerne auch eine direkte Message an mich. Ich frage mich, ob hier nicht zwei Gegensätzlichkeiten aufgemacht werden, die man so nicht lesen müsste. Die Attraktivität des Projekts der KSP besteht sicherlich darin, dass man sich heuristischen Themen in der Zivilgesellschaft zuwendet, ohne gleich in die ‚klassischen‘ Grabenkämpfe zu verfallen. Aber heißt das gleichzeitig auch, dass es (gar-)keinen Sinn macht eine Partei aufzubauen und darüber in der Praxis nachzudenken, wie es bisher meist dazu kam, dass sich Parteieliten tendenziell immer mehr von ‚ihrem‘ Klientel entfernen? Und soziale Basis gibt es ‚en masse‘, sie ist vielleicht nicht ’sozialistisch‘, aber selbst die Jugendstudien bescheinigen der Jugend pragmatische politische Wirkungsfelder, bei denen es gerade nicht um ideologische Debatten geht.
Das ist jetzt alles sehr holzschnittartig und dadurch verkürzt, aber ich fände es gut, wenn hier jemand ausführen könnte, ob die hier aufgemachten Widersprüche, um mal im Sprach zu bleiben, wirklich ‚antagonistische Widersprüche‘ sind. Muss ich Kaderpolitik von zivilgesellschaftlichem Engagement trennen und was spricht gegen eine Partei, die notwendige Erkenntnisprozesse erörtert, zusammenfasst und weiterentwickelt, und zwar ohne gleich theoretisch und praktisch ‚auszuschließen‘?
Beste Grüße, ein interessierter Beobachter Eurer Aktivitäten
Alex
Hey! Wenn ich Dich richtig verstehe, fragst du: „Warum nicht gleich auch die Partei mit aufbauen, warum erst mal nur Zivilgesellschaft“, oder?
Dazu würde ich etwas frei von der Leber weg sagen: eine Partei heute aufzubauen, wäre ein Kopfgeburt. Man müsste sich ständig fragen, wie man die Ideen der Partei in die Köpfe der Menschen bekommt und umgekehrt, wie man die Aktivität der Menschen in den Beschlüssen und Slogans der Partei „unterstützt“ o.ä. Partei und Gesellschaft wären getrennt (und dadurch wäre die Partei gerade keine sozialistische Partei). Bei dem, was du „Kaderpolitik“ nennst, würde ich die Gefahr sehen, dass am Ende einfach Lesekreise gegründet werden, deren Mitglieder im besten Fall (erfahrungsgemäß eher selten) auch irgendwie zivilgesellschaftlich aktiv sind.
Was ich absolut wichtig finde, ist, dass du die „Erkenntnisprozesse“ ansprichst, die irgendwie geordnet werden müssen. Da würde ich sagen: das versucht momentan die KSP zu tun. Ein Ort zu schaffen, an dem die Erfahrungen aus der Basisarbeit gesammelt und systematisch diskutiert
werden können. Zudem versucht die KSP Brücken zwischen den zivilgesellschaftlichen Projekten zu schlagen und innerhalb der Projekte darauf hinzuwirken, dass sie möglichst gut und unabhängig
funktionieren.
Wenn man so will, ist das eine Vorform von „Kaderbildung“. „Kader“ wären dann die, die aus eigener Erfahrung und durch den Austausch mit anderen ein gewisses praktisches Wissen angehäuft
haben und ein paar minimale theoretische Schlüsse gezogen haben. Etwa: „Zivilgesellschaftliches Engagement muss sich an den Interessen der Menschen orientieren und politisch neutral sein“ oder: „wir wollen mit den Menschen arbeiten und nicht für sie“ (Das könnte man an konkreten Fällen viel besser diskutieren als abstrakt).
Ich würde sagen, dass diese Aktivität der KSP das ist, was die Zivilgesellschaft momentan „braucht“ bzw. was den Organisationen momentan „hilft“ (Vernetzung, Vermittlung von Aktiven, Organisation von Erfahrung).
Eine Partei als politische Kampforganisation der gesamten Klasse wird beim jetzigen Stand der Kämpfe und Organisation jedoch noch nicht praktisch „gebraucht“. Kader, die z.b. „wissen“, dass
die Klasse als ganze die Produktionsmittel übernehmen muss, bringen der Klasse bei ihrem jetzigen Organisationsstand nicht viel: die Klasse hat die Strukturen und Organisationen noch nicht, um den Laden selbst zu schmeißen.
…natürlich finde ich es trotzdem sehr wichtig, sich mit Geschichte und etwa auch politischer Ökonomie zu beschäftigen. Man weiß nie, wann dieses Wissen in der Praxis doch wichtig wird.
Sorry, falls das an der Frage vorbei geht (Frage ging ja eigentlich auch an Max).
Schönen Tag allerseits!
Tse
Nein, wunderbar Alex, und Deine Überlegungen stimmen weitgehend mit meinen Vorstellungen überein. Kritisch ist natürlich immer die Frage der ‚Reife‘ – historisch gesehen jedenfalls waren das, wider die Erwartungen der Zeitgenossen, manchmal nur ganz wenige Jahre
und keineswegs Jahrzehnte –
Rudi
Ich möchte zu Alex’ Antwort noch ergänzen, dass für mich der permanente Hinweis auf Praxis von uns als Kampagne eine funktionale Annahme ist – damit meine ich eine Annahme die wir für unser Ziel, Gesellschaft anders und/oder sogar überhaupt wieder kennenzulernen, sowie unabhängige Strukturen aufzubauen, notwendig ist.
Die Wenigsten bis vielleicht niemand von uns (bis jetzt) kommen ohne Prägung, Vorwissen, irgendein Verständnis von Geschichte zur Kampagne.Und es ist auch eine aktive Arbeit meine eigenen Vorannahmen erst mal kritisch zurückzustellen.
Wie siehst du das?
Tse, Ich finde auch, dass etwas Wahres an dem Satz von Brecht „Aus ‚Niemals‘ wird ‚Heute noch'“ ist. Aber gleichzeitig kann diese Idee auch immer wieder zur einer dringenden Eile führen, wie z.B.
in Maximilians Ausführung, dass ihm entgegen gehalten wurde, wir müssten jetzt alle in die Linkspartei eintreten, um den drohenden Faschismus aufzuhalten. Mal eine persönliche Erfahrung
von mir; schon meine linken Eltern aus den 68ern sagten das beim Esstisch in den 90ern als ich noch ein Kind war. Bis jetzt blieb dieser Faschismus in der konkreten Form aus
Tse
Rudi, ich verstehe sehr gut was Du meinst, aber angesichts dessen, was gerade in den USA
passiert und bei uns z.B. Kulturbetrieb, ist das m.E. sehr viel mehr als einfach ,nur ein bisschen
mehr‘ – ich habe Familie im (bürgerlichen) Kulturbetrieb (eine unzulässige Verkürzung, ich weiß) die überlegen ernsthaft ins Exil zu gehen, das ist neu … und hat gemeinsam mit lokalem
Gleichklang von CDU und AfD in den neuen Bundesländern eine neue Qualität.
M.
Wenn man ins Exil geht wird man politisch verfolgt. Sich darüber Gedanken machen, dass man jetzt keine Fördergelder mehr bekommt und wo man die vielleicht doch kriegt ist etwas sehr fundamental anderes. Was für die Leute zweifellos sehr schlimm sein kann.
Tse
Das stimmt natürlich, aber wenn Dein Lebensinhalt davon ideell und materiell abhängt, ist es offensichtlich Überlegungen wert. I listen and I don’t judge …
Maximilian
Danke Dir für die Rückfrage. Alex hat dazu aus meiner Sicht schon viele gute Punkte gebracht. Ich würde gerne noch was aus meiner Sicht dazu sagen.
Ich bin seit 2008 Mitglied der Linkspartei (bin da schon mit 14 eingetreten) und habe die Partei in den letzten 17 Jahren gut von innen kennengelernt. Die Praxis, die mir damals beigebracht wurde
war: Links sein = Wahlkampf und regelmäßiger Protestaktivismus an den Staat. Die PdL ist bis heute im Kern ein Wahlverein mit sozialistischer Rhetorik.
Warum ist sie das? Weil es so unglaublich lukrativ ist. Im letzten Jahr hat die Partei 11 Millionen EUR vom Staat erhalten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bekam 71 Millionen. Zusammen mit den
sonstigen Subventionen, kann man davon ausgehen, dass derzeit jährlich fast 100 Millionen EUR an Staatsgeldern an die PdL fließen. Davon lassen sich viele schöne Stellen, Büros und Infrastrukturen finanzieren.
Die PdL ist also wie ein Drogensüchtiger, der ständig neuen Stoff braucht, um weiterzumachen. Stoff, den der kapitalistische Staat bereitwillig an die „sozialistischen“ Partei dealt. Aber nur gegen
Cash – versteht sich: Wählerstimmen.
Meine Erfahrung aus der Partei, aus meinem bisherigen Berufsleben und meinem Aktivismus lautet:
Eine Organisation tut alles, um ihre eigenen Strukturen zu erhalten. So ist es natürlich auch bei der PdL. Also muss schon „automatisch“ ein Großteil der Energien in die Vorbereitung der nächsten
Wahlerfolge gesteckt werden. Um dann noch mehr Geld zu erhalten, um damit noch mehr Stellen zu finanzieren, um damit noch bessere Wahlkämpfe zu führen usw. usf. Dadurch aber steigt der Anreiz für opportunistisches „Organizing“ der eigenen Wählerbasis extrem an.
Organizing als Selbstzweck, so wie wir es verfolgen wollen, ist dagegen kostspielig und es gibt keine Garantien, das es sich in der „Parteienwährung“ (= Zahl der Stimmen) am Ende auch auszahlt. Das ist für eine Organisation wie die PdL eher unattraktiv. Hier in München z.B. jagt eine Wahl die nächste: 2023 Landtagswahl, 2024 Europawahl, 2025 Bundestagswahl, 2026 Kommunalwahl, 2028 Landtagswahl, 2029 Europa- und Bundestagswahl… Das Organizing muss also tendenziell so ausgerichtet sein, dass kurzfristig „messbare“ Erfolge herauskommen. Nach dem Wahltag geht der Blick in die Statistik: Wie hoch ist unser Anteil gewachsen, in Siedlungen, wo wir aktiv waren? Heißt: Aktivismus steht immer unter kurzfristigem Erfolgsvorbehalt.
Gerade weil wir keinen kurzfristigen „Erfolgsdruck“ im Nacken haben, können wir in unseren Projekten viel freier und damit auch ernsthafter agieren. Wir können uns wirklich die Zeit lassen,
um mit den Betroffenen gemeinsam zu lernen. Wir können Fehler zulassen, was enorm wichtig ist.
Für mich ist das einer der Gründe, warum ich der Meinung bin, dass eine sozialistische Partei momentan nicht möglich ist. Paradoxerweise ist eine solche Partei vielleicht sogar aus den oben beschriebenen Gründen ein Hindernis für den Aufbau einer sozialen Basis (es sei denn, man hat als einfaches Parteimitglied die Kraft, sich den Zwängen des politischen Betriebs zu entsagen).
Jim Igor
Also erstens ist hier genau der Ort für diese Diskussionen, daher danke!
In dieser Diskussion scheint mir die Gegenüberstellung von Aktivismus einerseits und Gedanken über die Frage der sozialistischen Partei zu machen, ein falscher Gegensatz. Denn genau deshalb sind wir die Kampagne für eine sozialistische Partei, weil wir uns diese Gedanken (langfristig und unseren praktischen Erfahrungen entsprechend) machen (wollen). Der Querstand liegt darin, die Linkspartei mit dieser Partei zu identifizieren. Die Linkspartei ist eine progressiv-kapitalistische Partei. Sie hat ihre Substanz nicht in ihrer Basis (wie zum Beispiel SPD, CDU und Grüne durchaus eine substanzielle Basis haben), sondern ausschließlich im parlamentarischen Polit-Theater.
Die Ressource der Linkspartei sind nicht die Aktivitäten und Ideen einer eigenen sozialen Basis, sondern einiger weniger Linksintellektueller, die ihr ihre Stimme und damit Finanzierung geben, damit die Partei „eine linke Stimme im Parlament“ ist. Das ist ihre reale Funktion in politischen System als eine der kapitalistischen Parteien. Protest Vote ohne Basis. Da nicht die Basis, sondern das am Polit-Theater orientierte Elektorat die Existenzgrundlage ist, wird das, was von ruhmreichen PdLern an Basis immer wieder aufgebaut wird, mit jeder Wahlkampagne wieder über den Haufen geworfen. Im Aktivismus bekommen wir das mit, ähnlich wie mit der KPÖ in Österreich. Während wir (und die Genossen von der PdL) in den Projekten versuchen, die Leute und uns selbst darin
auszubilden versuchen, das wir die Probleme selbst lösen, unser Leben selbst in die Hand nehmen können, muss die Linkspartei (und KPÖ) an jeder Stelle sagen: Ihr braucht uns, damit wir es für
Euch lösen (über den kapitalistischen Staat). Auf jedem Wahlflyer steht in verschiedenen Variationen: „Damit sich wirklich etwas ändert.“ Wenn es darum gehen würde, Leute für die Möglichkeit des Sozialismus auszubilden, ist es dann wirklich die Aufgabe einer selbsternannten sozialistischen Partei (von mir aus „im Werden“), ihnen mitzuteilen, dass nicht sie wirklich etwas ändern können, sondern es die PdL, den Staat und ausgerechnet die Wahlen braucht, damit sich wirklich etwas ändert?
So wird in jeder Legislatur der zarte, langsame Lernprozess wieder zunichte gemacht. Nicht durch die Reaktion, sondern durch die selbsternannte sozialistische Partei selbst, die darauf angewiesen
ist, dass die Leute glauben, auf sie angewiesen zu sein. Davon hoffe ich, dass sich die Leute emanzipieren. Deshalb ist es ein Spiegelgefecht, hier die Linkspartei als Ort der Verhandlung um
eine sozialistische Partei ins Spiel zu bringen. Diese Verhandlung ist wichtig, und in der Linkspartei sind hunderte, vielleicht tausende, die das auch ernst meinen. Die aber sich selbst und alle anderen über die tatsächliche Funktion dieser Partei täuschen. Und die Partei braucht genau das, weil diese Behauptung der Kleber ist, der diese linken Intellektuellen an sich bindet, damit aber die linke Intellektualität an den Staat bindet und alle schnüffeln süchtig die kapitalistische Politik, die Gedanken werden vernebelt, nicht geklärt.
So fängt man schon bei Schritt 1 damit an, die Leute (und sich selbst) anzulügen und ab da gibt es kein Zurück mehr. Die erste Regel unseres Aktivismus ist, dass wir nicht lügen müssen, um ihn zu
machen. Denn die einzigen, die wir damit anlügen und an deren Ausbildung wir uns versündigen, sind wir selbst.
Ähnlich übrigens der Druck, der auf die Leute ausgeübt wird, um durch die Linkspartei mit der AfD den Faschismus zu verhindern. Die Leute werden nicht nur vernebelt, sondern regelrecht kirre
gemacht, damit sie ihre Stimme rausrücken. Das ist das Gegenteil von Aufklärung
M.
Kann wer erklären was mit „autoritär vorbei“ gemeint ist?
Maximilian
Auf die Rückfrage wollte ich gerne noch antworten. Die Mietergewerkschaft ist Teil MieterInnenbündnis VoNO!via & Co. Hier vereinigen sich viele Mietergemeinschaften aus dem ganzen Bundesgebiet. Übrigens sind viele der Aktiven auch in der Linkspartei, haben sogar der Partei im Wahlkampf Anfang des Jahres „den Arsch gerettet“. All diese verdienten Aktivisten wurden erst über die Kampagne informiert, als alles schon beschlossen und fertig ausgearbeitet war. Die Empörung darüber im Bündnis ist groß. Viele haben mir geschrieben, dass eine neue Kampagne, die nicht mit lokalen Gegebenheiten/Kämpfen abgestimmt ist, in die Arbeit der Mietergemeinschaften hinein grätscht.
In München habe ich durch die Partei, deren Mitglied ich ja nach wie vor bin, selbstverständlich auch keine Info bekommen. Von der anstehenden Mieterversammlung habe ich eine Woche vorher aus dem Internet erfahren.
Das alles zeigt, dass es kein Interesse des aktuellen Parteivorstands gibt, mit zivilgesellschaftlichen Akteuren vor Ort zu kooperieren. Es geht darum, sich mit der Bulldozer-Methode, so schnell wir möglich als „Anwalt der kleinen Mieter“ zu positionieren. Diesem Ziel wird alles andere untergeordnet. Lokale Kämpfe, Erfahrungen, bestehende Strukturen spielen keine Rolle. Am Samstag habe ich mit einem Mieteraktivisten gesprochen, die für die Berliner Mietergemeinschaft schon seit Anfang der 90er Mieterinitiativen aufbaut und unterstützt. Er war selbst lange in der Partei. Er meinte schmunzelnd zu mir: „Das haben die immer schon so gemacht.“
Wird die PdL damit Erfolg haben? Am Ende natürlich nicht. Weil die Wohnungskrise ein uferloser Sumpf ist und die Partei viel zu „leichtfüßig“, um sich mit dem anstrengenden Klein-Klein vor Ort dauerhaft zu befassen.
Jasper
Das Panel wurde nicht zufällig aufgezeichnet?
Maximilian
Nein, ich hatte angefragt, es gab aber bei der JL keinen Konsens darüber, sodass ich gebeten wurde, keine Aufnahme zu machen.
Manu
Danke für den tollen Beitrag, Maximilian! Ich habe da eine ähnliche Sichtweise und eine kritische Haltung gegenüber Organisationen wie Parteien. Es liegt in der Natur großer Organisationen, und mögen sie sich noch so sozialistisch nennen, eine eigene Dynamik zu entwickeln und aus sich selbst heraus Machtverhältnisse und Hierarchie zu produzieren, die den Interessen der Lohnabhängigen entgegenstehen.
Warum also nicht gleich die Selbstorganisation der lohnabhängigen Klasse vorantreiben und Menschen ermöglichen, heute Erfahrungen mit sozialistischer Praxis zu sammeln? Die
Arbeitszeitrechnung macht’s vor wie das heute schon geht und die historischen Erfahrungen der Rätedemokratie und des Rätekommunismus sind weiter ein positiver Bezugspunkt in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung.
Maximilian
Okay, schöne Utopie. Welche Hindernisse siehst Du dafür heute? Und welche Praxis schlägst Du ausgehend von Deiner Vision für hier & jetzt vor?
Sebas
Selbstverwaltete Betriebe und ihre Organisationen, die es in allen Ländern gibt, könnten parallel zum Kapitalismus eine geplante Ökonomie auf Basis der Arbeitszeitrechnung starten. Das schlagen wir von IDA vor und haben auch schon eine entsprechende App programmiert.
Maximilian
Warum tun sie es jetzt noch nicht?
Sebas
Die Theorie ist leider noch ziemlich unbekannt und so was muss auch organisiert werden. Die Betriebe sind ja mit dem Alltagsgeschäft schon ziemlich ausgelastet. Verbände oder Parteien könnten da schon ne Rolle spielen.
Jim Igor
So ein Tool ist ja super und Instrumente der Selbstorganisation sind auch das, wonach wir suchen. Ich habe aber den Eindruck, dass es erst mal daran mangelt, überhaupt die Leute und Arbeitszusammenhänge auszubilden, aus denen heraus sich dann die Notwendigkeit solcher Tools ergeben würde. Also ich glaube, man kommt nicht um Organisation drumherum. Das wäre auch die einzige Weise, wie die Tools selbstbestimmt und aktiv mitgestaltet würden, und nicht als Service den passiven Usern vorgesetzt. Macht Ihr das denn? Also versucht Ihr um dieses Tool herum zu organisieren, z.B. benannte selbstverwaltete Produktionsstätten? Wie macht Ihr das? Was sind Eure Erfahrungen?
Sebas
Wir sind zum Beispiel nächste Woche in Glasgow beim Herbsttreffen des workers.coop Verbands um Theorie und App vorzustellen. Durften auch bei anderen Verbänden schon vorsprechen (u.a. in Mexiko). Beim deutschen „Kollektiv der Kollektive“ gibt es teilweise Interesse, wir hoffen auf mehr.
Manu
Strukturen und Organisation ist schon teilweise vorhanden, man muss nicht bei null anfangen. Beispiele wären das Kollektiv der Kollektive (KdK) oder die Berliner KollektivbetriebeVernetzung.
Jim Igor
Ja, cool! Und seid Ihr Teil dieser Netzwerke? Ich wäre super neugierig auf – gern ausführliche – Berichte aus deren Erfahrungen
Manu
Wir, also IDA, stehen in Kontakt mit den Betrieben und Verbänden, sind aber kein Mitglied, da wir selbst kein Betrieb sind, sondern eine politische Organisation.
Vernetzt sind wir beispielsweise über INDEP, das internationale Netzwerk für demokratische Wirtschaftsplanung oder das Care Revolution Netzwerk.
Vielleicht macht ja mal ein Treffen oder eine gemeinsame Veranstaltung Sinn, um sich näher kennen zu lernen!?
Jim Igor
Das wäre super, ja. Wir könnten z.B. einen Salon gemeinsam machen. In welcher Stadt/welchen Städten seid Ihr denn?
Manu
Das wäre cool und wir würden uns freuen! Wir sind schwerpunktmäßig in Berlin tätig (eine Person lebt in den USA in Boston). Ich schaue hier nur gelegentlich rein, falls sich zum Beispiel der Plan für einen gemeinsamen Salon konkretisiert, sind wir über E-Mail gut zu erreichen.
Falls auch Du uns eine Nachricht schreiben willst, dann kannst Du dies über unseren Instagram-Kanal oder über unsere offene Telegram-Gruppe tun.
