Startseite > Aktuelles > Konversationen #14

KONVERSATIONEN # 14

Wir dokumentieren im Folgenden eine Konversation zwischen unseren Mitgliedern Jann (Leipzig), Alex und
Jim Igor (Frankfurt) sowie Maximilian (München) vom 25.09.2025.

Jann

Ich habe mir eben die Podcast-Folge „Some Hard Pills to Swollow“ von 1Dime Radio mit Benjamin Studebaker angehört. In dem Abschnitt „building effective coalitions…“ geht es um die US-amerikanische campaign for a socialist party (CSP). Studebaker meint, dass Selbstorganisierung nicht im Interesse des Proletariats ist, weil die Qualität nicht an staatlich organisierte Gesundheitsversorgung, Bildung etc. heranreicht. Bei der Nachhilfe scheint es tatsächlich so zu sein, dass Eltern sehr auf die Qualität des Angebots achten. Ich hatte dazu etwas im Newsletter geschrieben. Was bedeutet es für den Ansatz der KSP, wenn Studebaker Recht hat und sich bestimmte Lebensbereiche wegen des technischen Fortschritts heute nicht mehr selbst organisieren lassen – gerade wichtige Bereiche, wie medizinische Versorgung? Müssten Sozialisten dem proletarischen Bedürfnis nach einer effizienteren Verwaltung der bestehenden Institutionen entgegenkommen? Habt ihr Gedanken dazu?

Alex

Spontane Antwort: das, was Studebaker „technischen Fortschritt“ nennt, ist ein Element des Kapitalfetischs. Alle Maschinen werden vom Proletariat gebaut und alle Dienstleistungen vom Proletariat erbracht. Auch die anspruchsvollen. Warum sollte die Qualität der Nachhilfe schlechter sein, wenn sie selbstorganisiert passiert, als wenn sie in den überfüllten Klassenzimmern des maroden Staates stattfindet? …das mal als abstrakte Antwort. Konkret sehe ich aber auch, dass die Fähigkeiten innerhalb der Klasse sehr unterschiedlich verteilt sind und ein teil des Proletariats (etwa Beamte) aus ihren Interessen rausgekauft sind.

Jann

Für die Lernhilfe ist das sicherlich richtig. Studebakers Beispiel ist die medizinische Versorgung. Während also die frühe SPD Abtreibungen einfach selbst organisieren konnte, würden wir dabei heute ohne das Equipment eines Krankenhauses weit hinter den medizinischen Standard
zurückfallen. Also auch wenn jemand Medizin studiert hat.

Jim Igor

Ich denke das auch etwa so. Kapital, technischer Fortschritt, die gesamte sich immer neu und krisenhaft hervorbringende Gesellschaft ist die Aktivität des Proletariats. Wir versuchen Teile dieses Hervorbringens so zu organisieren, dass dieses Hervorbringen bewusst stattfindet. Und aktuell nur modellhaft, das heißt auf Miniaturniveau, in winzigen Ausschnitten. Da können wir noch nicht oder kaum mit dem Grad von Organisation konkurrieren, die der Staat verwaltet. Aber eben die Elemente ausbilden, die das anstoßen können, und anderen zeigen, was vielleicht möglich ist. Klar wäre es notwendig, dass die Selbstorganisation irgendwann große Teile des
Gesundheitssystems (wie aller anderen Bereiche) organisiert, Krankenhäuser, Regimenter, Schulen, Produktionsstätten, Infrastruktur whatever unter bewusster Kontrolle hat – als Arbeitsstätten, als
gesellschaftliche Orte, als Orte, wo die Reichtümer der Gesellschaft produziert und konsumiert werden. Also zur letzten Frage, klar müssten wir einerseits dem Interesse nach effizientere Verwaltung entgegenkommen. Das wäre auch noch nicht einmal sozialistisch. Sozialistisch würde es dann, wenn sich für die effizientere Selbstverwaltung die Notwendigkeit politischer Machtergreifung durch das Proletariat als Klasse ergeben würde.

Alex

Ein eigenes Krankenhaus ist schwer zu bekommen, das stimmt. Da taucht recht schnell die Notwendigkeit des Sozialismus auf: die Maschinen in die eigenen Hände nehmen. Aber ich wäre da auch nicht zu voreilig. Viele Generika lassen sich ja in der Apotheke zusammen mischen. Dem
stehen oft nur patente im weg, soweit ich das weiß.

Jim Igor

Naja, und durch gewerkschaftlichen Zugang lassen sich schon ganze Bereiche unter Kontrolle bringen. Es geht ja auch nicht nur darum, wer jetzt auf dem Papier den Eigentumstitel hat, sondern wer wie bewusst die Kontrolle über die Abläufe on the ground hat. Es gab Zeiten, da haben die Besitzer von Fabriken längst den Kopf in den Sand gesteckt, weil die Firma pleite ging, und die Belegschaften haben den Betrieb aufrechterhalten, weil es eben ihr Laden war. Heißt natürlich gar nichts in Bezug auf die heutigen Aktivitäten der DGB-Gewerkschaften und ist völlig unklar, wie sich der Clash eines wachsenden Selbstbewusstseins der Arbeiter auf die heutige Weise
gewerkschaftlicher Verwaltung auswirken würde.

Maximilian

In Deutschland werden ca. 1.500 Mrd. € pro Jahr an Löhnen und Gehältern ausgezahlt. Jeder kann sich ausrechnen, wie viel selbst bei Promilleanteilen zur Verfügung stehen würde, um leistungsfähige Alternativen aufzubauen. Außerdem zeigt die Realität, dass Geld nicht = Leistung bedeuten muss. Die USA haben z.B. die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf und dennoch ein System, dass viele Bedürfnisse nicht erfüllt. In Deutschland ist es doch ähnlich. Diese riesigen bürokratischen Apparate lassen viele Lücken, die sich für aktivistische Projekte ausnutzen lassen.

Ein Beispiel: Neulich habe ich über das „Prestigeprojekt“ des letzten Gesundheitsministers gelesen – der „Klinikatlas“. Dieser Atlas soll ein Problem lösen helfen, dass viele Patienten haben: Wie finde ich für meine OP das richtige Krankenhaus? Die Regierung hat für diesen Atlas viel Geld in die Hand genommen Laut Tagesschau kostet dieser Atlas jährlich 1,5 Millionen EUR. Jetzt soll das Projekt wieder eingestampft werden, auch weil es kaum von den Betroffenen genutzt wird. Obwohl das Ding sauteuer ist, nutzt es also kein Patient, außerdem ist der Atlas für Laien nicht verständlich.

Und so ist es bei vielen Problemen. Nur viel Geld auf diese Probleme zu werfen, nützt nichts. Es ist nicht nur eine finanzielle Frage, wie Probleme gelöst werden, sondern auch die des praktischen Wissens. Und hier kann der Aktivismus immer überlegen sein. Z.B. bin ich mir sicher, dass gewerkschaftlich organisierte Arbeiter einen besseren, nutzerfreundlicheren und günstigeren Klinikatlas anbieten könnten. So etwas ähnliches haben wir schon in der Mietergewerkschaft gemacht. Die Münchner Mieter sind auf dem offiziellen Mietspiegelrechner der Stadt angewiesen, der wahrscheinlich mit viel Geld programmiert werden musste. Viele unsere Mitglieder empfinden dieses Programm aber als unhandlich. Die Definition für die einzelnen Wohnungsmerkmale sind so
komplex, dass jeder seine Wohnung falsch einstuft. Also haben wir in einem halben Tag Arbeitszeit eine Alternative programmiert, den „Mietspiegel-Assistenten“, der eine Einstufung anhand vieler
Einzelfragen ermöglicht (war selbst erstaunt wie leicht, schnell und schön das heute mit KI geht).

https://mietergewerkschaft.de/mietspiegelassistent-muenchen
Ich wünschte, ich könnte Studebaker mal erzählen, was ich als Berater mit meinen finanziell hochpotenten, gleichzeitig praktisch impotenten Konzernkunden erlebt habe. Die haben während der Corona-Pandemie ihre Leute ins Homeoffice geschickt und es nicht hinbekommen hunderte
ihrer Mitarbeiter mit Arbeitsmitteln zu versorgen. Über Monate! Die haben dann vollbezahlt zuhause „gearbeitet“ 😂
Und das bei der „kapitalistischen Speerspitze“. Da fehlt es oft massiv an praktischem Organisationstalent, das mMn nur durch bewusste Selbstorganisierung ausgebildet werden kann.
Es gibt auch erfolgreiche Beispiele zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation in „kapitalintensiven“ Branchen, wie der Eisenbahn.
Im bayerischen Ilztal haben Bürger die stillgelegte Strecke Passau–Freyung aus eigener Kraft wiederbelebt. Sie hätten auch nur Petitionen unterschreiben und auf die Politik warten können, die nach jahrzehntelangen Verfahren vielleicht irgendwann gehandelt hätte. Stattdessen haben sie selbst die Gleise instandgesetzt, Züge organisiert und den Betrieb wieder aufgenommen. Alles ehrenamtlich. Gerade dadurch haben sie wahrscheinlich mehr über den schwerfälligen politischen Prozess gelernt, als wenn sie bloß protestiert hätten. Im Handeln erfuhren sie sich zugleich als Subjekte – aber auch als behindert durch Staat und Institutionen, die das Projekt blockierten. So wird die Ilztalbahn zum Beispiel dafür, wie aktive Selbstorganisation nicht nur Infrastruktur schafft, sondern auch in Gegensatz zu einer Politik gerät, die Veränderung ausbremst.

Alex

Wahnsinn! Gestern habe ich in Mühlhausen/Thüringen „Feldforschung“ gemacht und bin an einen Typen geraten, der (wie viele Leute hier) die BRD hasst und der mir u.a. erzählt hat, dass ihm in unserem Land das „anpacken“ der Bürger fehlt. Es sei für ihn ganz toll gewesen, dass damals, als in Eisenwerk in der DDR Probleme mit dem Wasser gehabt habe, die FDJ organisiert habe, dass die Bürger selbst anpacken und eine Wasserleitung zum Werk verlegt hätten. Das macht natürlich nur bei volkseigenen Eisenwerken Sinn.

Jim Igor

Einziger Einwand: Ich denke, das kann immer Sinn machen.

Alex

Für die BASF Wasserleitungen bauen?

Maximilian

Naja, sofern es für die Erhaltung des Werks und damit der eigenen Möglichkeit als Arbeiter geht why not. Zumal die Aufgabe ja nicht prinzipiell wäre, den Kapitalisten zu retten. Sondern zu demonstrieren: Wir könnnen was gemeinsam erreichen, Probleme lösen, an denen „die Großen“ scheitern.

Jim Igor

 

Für den eigenen Arbeits- und Lebenszusammenhang. Der ist widersprüchlich und gleichzeitig die Macht, die die eigene Arbeit und das eigene Leben zerstört. Das ist Kapitalismus. Aber widerspruchsfrei ist das Leben nicht – nicht im Kapitalismus, auch nicht in der DDR

Alex

Fair enough. Aber es ist eine zarte Grenze zwischen Leben im eigenen Interesse in die Hand nehmen und Überausbeutung. Vielleicht ist es auch keine Grenze, sondern beides zusammen. Aber ich sehe, was ihr meint.

Jim Igor

Ja, eh, ich denke nur, unsere Aufgabe ist gerade, die eine Seite zu betonen, nämlich die Möglichkeit von Selbstorganisation, ohne natürlich ganz das Bewusstsein dafür zu verlieren, was Linke immer sagen (und ich als Linker immer gesagt habe): „Aber im Kapitalismus ist das nicht möglich. ☝️“ Was ja auch stimmt, aber: let’s find out, what’s possible 🙂

Maximilian

Wir wandeln immer auf einem schmalen Grat, weil jeder Ausbau der Selbstorganisierung immer auch dazu führen wird, dass das Kapital gestärkt wird.

Alex

Würde ich so pauschal nicht sagen. Die Mietergewerkschaft verteilt in Teilen direkt Geld um. Aber klar, Selbstorganisation kann das bestehende System auch stabilisieren. Aber es hilft nicht „immer“ dem Kapital. Nicht notwendigerweise.

Maximilian

Nicht nur das, schlimmer. Warum konnte das kleine Deutschland mehrere Jahre lang zwei Weltkriege führen? 😉 

Jim Igor

Die Selbstorganisation würde auf einem großen Maßstab, das Kapital zur Perfektion zwingen und hat es immer getan. Das ist Luxemburgs Argument in Sozialreform oder Revolution. Es vertieft die Krise und untergräbt die Errungenschaften, die erkämpft werden, in dem Maße, wie das Proletariat sich organisiert. Jede Verteuerung des variablen zwingt zur Investition in konstantes Kapital, die Organisation der lebendigen, perfektioniert die tote Arbeit. Organisation der Arbeit führt zu Konzentration des Kapitals. Wir haben es aber auf ein weiteres Produkt dieser Prozesse abgesehen: Das Bewusstsein der kämpfenden Arbeiter selbst, die eben nicht nur die widersprüchlichen Verhältnisse produzieren, sondern auch ihr Bewusstsein dieser widersprüchlichen Verhältnisse und der Notwendigkeit und Möglichkeit, sie zu überwinden, indemsie die Macht ergreifen. Im sehr kleinen: Die Lernhilfe würde im besten Fall nicht nur das Problem der Bildung in Teilen lösen, sondern gleichzeitig auch das Bedürfnis nach Bildung massenhaft wecken und dadurch die Bildungskrise – auf anderem Niveau – auslösen. 

Ja, denke auch, das ist paradigmatisch und ich habe keine Antwort darauf. Aber die gute Nachricht ist die immense Irrelevanz dieser Frage im Verhältnis dazu, dass das Projekt gemacht wird. Ich
würde es einfach so machen, wie es intern für das Projekt am besten ist. Wenn die Kampagne ein Hindernis für ein Projekt ist, machen wir was falsch. Und ein Projekt zu ‚claimen‘ sollte nicht das sein, was wir tun. Wir wollen die Projekte aufbauen, sie sollen jenseits unseres Einflusses eine eigene Macht entfalten. Das ist so schon schwer genug, da sollten wir nicht selbst noch die Fesseln schmieden, die ihre Entfaltung eindämmen.

Muss gerade dran denken, wie sich das auf dummen Niveau in meinem politischen Umfeld in der 2008er Eurokrise ausgespielt hat: Occupy/Bloccupy hat mobilisiert mit „Wir zahlen nicht für *Eure* Krise“. ‚Wir‘ waren natürlich radikaler und haben zu M31 mobilisiert mit „WIR sind die Krise“. Beides stimmte natürlich nicht, natürlich haben ‚wir‘ für die Krise bezahlt und natürlich waren ‚wir‘ kein Akteur in der Krise. Aber auf unbewusste Weise stimmt natürlich beides irgendwie schon bzw. die Einsicht in etwas, das einmal stimmte. Und sorry, ums heimzubringen: Das ist das Ziel der KSP, in diesen Widerspruch hineinzugeraten. Nicht ihn aufzulösen, wegzureden, sondern Organisationen aufzubauen, die so tief in diesem Widerspruch stecken , ihn so zu spüren bekommen, dass uns die Ohren schlackern. Dann können wir uns auflösen. Und die sozialistische Partei gründen. 🫵

Falls auch Du uns eine Nachricht schreiben willst, dann kannst Du dies über unseren Instagram-Kanal oder über unsere offene Telegram-Gruppe tun.

Scroll to Top