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KONVERSATIONEN # 11
Wir dokumentieren im Folgenden eine Antwort unseres Mitglieds Hans-Achim aus Köln vom 18.06.2025 auf folgende Fragen:
• Wie wollt ihr Selbstorganisation anstoßen, statt nur beratend zu helfen?
• Was verbindet und was trennt euch von Stadtteilbasisorganisationen?
• Was haltet ihr von Junge Linke (D), die ja scheinbar eine ähnliche Strategie verfolgen wie ihr?
Hans-Achim
Wir schreiben in unserem Dossier über die gesellschaftliche Basis der SPD Ende des 19.Jahrhunderts: „Diese Basis reichte von Arbeitersport- und Bildungsvereinen, über Mietvereine, bis hin zu den Gewerkschaften. Sie schuf und radikalisierte nicht nur Gewerkschaften, sondern baute in allen Teilen der Gesellschaft Organisationen auf, die die Interessen der Menschen unabhängig und
gegen die Interessen der Unternehmer, Grundeigentümer und des Staates organisierten. Diese zivilgesellschaftlichen Organisationen waren breit aufgestellt, politisch offen.“
Eine vergleichbare Arbeiterkultur vor dem Hintergrund eines proletarisches Milieus fehlt heute.
Deren Niedergang begann mit dem Wandel der SPD zu einer reformistischen Arbeiterpartei und endete mit der physischen Vernichtung ihrer Träger nach Antritt der faschistischen Regierung ab
1933. Die Restbestände der ehemals klassenkämpferischen zivilgesellschaftlichen Organisationen (Gewerkschaften, Arbeiterwohlfahrt, Naturfreunde, Arbeiter-Samariter-Bund, etc.) fungieren bis auf lokale Ausnahmen als Dienstleistungsorganisationen.
Ohne ein bewusstes proletarisches Milieu als Basis und Bezugspunkt ist eine einflussreiche revolutionäre Massenorganisation nicht denkbar. Aus diesem Grund arbeiten Mitglieder der KSP in
zivilgesellschaftlichen Organisationen mit oder initiieren diese. Zweck dieses Aktivismus ist die Selbstorganisation und Selbstermächtigung der Klasse und dadurch die Herausbildung eines
bewussten proletarischen Milieus. Zudem bilden wir uns als Sozialisten durch unser Engagement beim Aufbau dieser Organisationen und bei der Mitarbeit in diesen weiter. Immer Gefahr laufend,
das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und die Selbstorganisation der Klasse aus den Augen zu verlieren und selbst als Dienstleister zu agieren.
Dieser Aufbauprozess wird viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Das vor diesem Hintergrund nach Abkürzungen gesucht wird, ist verständlich. Ein Teil der linken Szene versucht
dies über den Aufbau von Stadtteilbasisorganisation oder auch Stadtteilgewerkschaften. Doch das Konzept der Stadtteilarbeit ist in der Regel stark szenepolitisch geprägt und setzt bereits ein
herausgebildetes politisches Bewusstsein voraus. Als Beispiel soll hier das Konzept des BOA genannt werden.
Der Beratungs-Organisierungs-Ansatz basiert auf einer Kombination aus Beratung, Mitgliedschaft, Vollversammlungen, Aktionen und politischer Bildung. Es sollen mit Hilfe von Beratungs-, bzw. Dienstleistungsangeboten Teile der Nachbarschaft eines Stadtteils für eine antikapitalistisch ausgerichtete gemeinsame Praxis gewonnen und dauerhaft in einer Stadtteilgewerkschaft organisiert werden. Letztendlich versuchen die linken Kader der Stadtteilgewerkschaften ihre politischen Grundsätze über ihre Aktivitäten im Stadtteil zu verankern.
Aus unserer Sicht haben jedoch politische Übereinkünfte wie „Wir treten gegen jede Form der Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, patriarchale Gewalt, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Abwertung von Menschen mit Behinderung ein.“ (LiraSol – Stadtteilgewerkschaft Lichtenrade Solidarisch) oder die Organisation einer Demonstration mit dem Motto „Klimakrise, Kriege und Armut bekämpfen, nicht die Migration.“ (Stadtteilgewerkschaft
Solidarisch in Gröpelingen am 02.12.2023) oder eine Veranstaltung wie „Die Broschüre ‚Mythos Israel 1948‘ – im Faktencheck“ (Stadtteilkomitee Neukölln des BdK, Bund der Kommunist:innen am 12.07.2024) einen ausschließenden Charakter.
Zu der Organisation Junge Linke (ehemals Zeit für was Neues) können wir nichts sagen, da diese erst dabei ist, eine eigenständige Praxis zu entwickeln. Wo möglich und gewollt, kooperieren wir zukünftig mit ihnen im Rahmen zivilgesellschaftlicher Projekte.
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