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KONVERSATIONEN # 18

Unsere Mitglieder Günther (Berlin) und Hans-Achim (Köln) diskutieren mit Manu von der
Initiative für demokratische Arbeitszeitrechnung (IDA) darüber, was sie unter Sozialismus
verstehen und wie sie sich den Weg dahin vorstellen. Vom 04.08.2026

Manu

Vielen Dank für eure Grundsatzerklärung! Eine Frage: Was ist der ökonomische Inhalt eurer Vorstellung des Sozialismus? Also worauf soll die Organisierung der Masse letztendlich hinaus laufen? In der Erklärung ist davon nichts zu finden, bzw. auch in den FAQ sprecht ihr Ökonomie nicht an.

Günther

Danke für das Interesse und die Gesprächsanregung! Günther, KSP-Mitglied aus Berlin hier. Die erste zu beantwortende Teilfrage wäre wohl, was unsere Vorstellung vom Sozialismus ist. Die KSP hat es sich zur Aufgabe gemacht, Einsichten in Gesellschaft über den Weg der Praxis zu erwirken. Das heißt, wir begrenzen unsere theoretischen Annahmen soweit als machbar auf das, was
wir durch Erfahrungen wirklich bestätigen können. Auf diese Weise baut sich im Erfolgsfall Schritt für Schritt eine neue praktische und damit einhergehende theoretische Bewegung auf, die sich tatsächlich entlang der Gegenwart bemisst und sich nicht ohne sie geprüft zu haben auf bereits bestehende Theorieapparate festsetzt. Unser „Abarbeiten“ an der konkreten Wirklichkeit befindet
sich jedoch noch in den Kinderschuhen. Wie der Sozialismus aussieht, wissen wir gegenwärtig nicht. Und wird vielleicht auch zu keinem Zeitpunkt vorformuliert werden können. Der Sozialismus müsste sich als historische Entwicklung aus der gesellschaftlichen Bewegung
heraus entfalten, er kann nicht als „ausgedachter“ Plan hineinoperiert werden. Wie eine Entwicklung in diese Richtung anzureizen, zu begleiten und zu prägen wäre, sind Fragen, die wir uns in der KSP stellen. Die KSP hat mit dieser Zurückhaltung im Übrigen etwas mit dem
revolutionären Marxismus der alten Linken gemeinsam, der ebenfalls kein klar bestimmtes Bild vom Sozialismus anvisierte. Die Menschen der Gegenwart können den Menschen der Zukunft keine Vorschriften machen. Die Zukunft schält sich prozesshaft aus dem Machen der Gegenwart heraus.

Am ehesten kann sich der Frage vielleicht „ex negativo“ angenähert werden, das heißt durch das Bestimmen, was im Sozialismus nicht ist und also für dessen Erreichen überwunden werden müsste: Als Sozialismus bezeichne ich ein geschichtliches Stadium, in dem es keine gesellschaftlichen Beziehungen mehr gibt, die auf Ungleichheit fußen. Somit würde die Unterwerfung des Menschen durch den Menschen historisch beendet. Dazu wäre eine fundamentale Umänderung der bisherigen Gesellschaft nötig. „Ökonomische Inhalte“ sind dabei selbstverständlich wichtig, sollten meiner Meinung nach begrifflich aber nicht in einen vermeintlichen gesellschaftlichen Teilbereich – die Wirtschaft – eingekapselt werden. Der Ausbildungsprozess der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft hat geschichtlich als Gesamtzusammenhang stattgefunden, der entlang der gleichen Klassenkämpfe unterschiedliche Stränge und Bereiche von Gesellschaft hervorgebracht hat. Kategorien wie Wirtschaft, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Soziales, Wissenschaft, Freizeit usw. müssen daher als Ganzes mit gesamtheitlicher Wurzel und gemeinsamen grundlegenden Bewegungsgesetzen gedacht und behandelt werden.

Manu

Wir stimmen euch grundsätzlich zu: Praktische Erfahrungen sind überzeugender als rein theoretische Annahmen. Die Überzeugungskraft sozialistischer Ideen hängt auch davon ab, ob sie heute schon gelebt werden können. Sozialismus darf daher keine abstrakt-theoretische Debatte bleiben, sondern muss sich in konkreten gesellschaftlichen Praktiken bereits heute bewähren. Gleichzeitig braucht eine sozialistische Bewegung ein „Ganzes mit gesamtheitlicher Wurzel und gemeinsam grundlegenden Bewegungsgesetzen“, wie ihr so richtig geschrieben habt. Um das zu erreichen, braucht es unserer Meinung nach eine Vision, die einen zukünftigen Sozialismus nicht „auspinselt“, aber dennoch Grundprinzipien einer sozialistischen Vergesellschaftung skizziert. Denn die großen Fragen lassen sich nicht „ex negativo“ beantworten. Wie würden wir beispielsweise eine
Stadt ernähren? Wie würde ein Flughafen im Sozialismus funktionieren? Wie ein Krankenhaus?
Was würden wir mit dem internationalen Handel oder dem Tourismus machen? Um uns von der kapitalistischen Gesellschaft zu emanzipieren, brauchen wir daher neben lebendigem Erfahrungswissen auch ein tragfähiges und verbindendes ökonomisches Prinzip.

Wir sind überzeugt, dass die Arbeitszeitrechnung dieses Potenzial hat: eine demokratische Wirtschaftsordnung hervorzubringen, die weder auf Geld- und Profitlogik noch auf Mechanismen staatssozialistischer Herrschaft beruht. Ein kleiner, arbeitszeitbasierter Wirtschaftskreislauf könnte Druck von unten aufbauen und einer sozialistischen Bewegung den entscheidenden Impuls verleihen, sich zu einer relevanten gesellschaftlichen Kraft zu entwickeln. Denn schon lokale Strukturen einer Arbeitszeitökonomie könnten die Vorzüge einer sozialistischen Wirtschaftsweise sichtbar machen: demokratische Entscheidungen werden durch selbstverwaltete Räte getroffen, wirtschaftliche Prozesse an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet und die Produktion gemeinschaftlich geplant, ohne den Zwang, Profit zu erwirtschaften. Mit der Ausweitung und Vernetzung genossenschaftlich organisierter, regionaler Strukturen aus Betrieben, Nachbarschaften und politischen sowie zivilgesellschaftlichen Initiativen könnte sich schließlich eine wirkliche Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Sphärentrennung in Ökonomie, Politik usw. entwickeln. Die Arbeitszeitrechnung bietet eine geeignete Grundlage, um in eine solche Gesellschaft hinüberzuwachsen, denn sie ist quasi ein Konzept der unendlichen Transformation mit ungewissem Ausgang. In diesem Sinne verstehen wir unsere Arbeit als Einladung, gemeinsam mit Arbeiter:innenkooperativen, solidarischen Nachbarschaften und politischen Organisationen erste praktische Erfahrungen mit der Arbeitszeitrechnung zu sammeln und über unsere Strategie zu diskutieren

Hans-Achim

Liebe Genossinnen und Genossen, ihr fragt in eurer Kommunikation mit unserem Mitglied Günther nach dem ökonomischen Inhalt unserer Vorstellung des Sozialismus. Und worauf die Organisierung der Masse hinauslaufen soll. Ich, Hans-Achim, antwortete euch als Individuum und revolutionärer Sozialist, da wir uns als Organisation
KSP (Kampagne für eine sozialistische Praxis – nach meinem Verständnis) darauf verständigt haben, weder zu tagespolitischen Fragen Stellung zu nehmen, noch die
zukünftige gesellschaftliche Entwicklung vorhersagen zu wollen.

Ihr stellt richtigerweise fest, dass die Überzeugungskraft sozialistischer Ideen davon abhängt, ob sienbereits heute gelebt werden können. Das ist tatsächlich einer der Gründe für unseren zivilgesellschaftlichen Aktivismus, welcher zum Ziel die Selbstorganisation der lohnabhängigen
Bevölkerung hat und letztendlich auf die Selbstermächtigung der Arbeiterklasse und Übernahme der gesellschaftlichen Organisation durch dieselbe zielt. Insofern halte ich euren Bezug auf rätekommunistische Ideen und eure Intention, gesellschaftliche Grundlagen für einen Demokratischen Sozialismus bereits im Hier und Jetzt zu etablieren und erfahrbar zu machen, für nachvollziehbar und sympathisch.

Euer Vorschlag der demokratischen Arbeitszeitrechnung basiert auf der Idee, das durch die Abschaffung von Geld als Tauschmittel und als Wertmaßstab Ausbeutung und Unterdrückung abgeschafft werden kann. Jeder Mensch erhält nach diesem Modell pro geleisteter Arbeitsstunde dieselbe Anzahl an Arbeitszeitscheinen. Somit soll jeder Mensch gleichbehandelt werden. Nach dem Einlösen gegen Lebensmittel oder andere Gegenstände, verfallen diese. Somit soll die Akkumulation von Werten in privater Hand verhindert werden. Die geleistete Arbeitszeit pro Werkstück oder Dienstleistung wird ihrerseits durch eine komplexe gesamtgesellschaftliche Arbeitszeitkalkulation von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung von Vor- und Zwischenprodukten bis zum Endprodukt bestimmt. Auf diesen Weg erhält in eurem Modell jeder für den Verbrauch bestimmte Gegenstand ein Etikett mit der Anzahl der im Tausch dafür abzugebenden Arbeitszeitgutscheine. 

An diesem Konzept sind eine Reihe Punkte zu kritisieren. Euer Vorschlag Arbeitszeitscheine anstelle von Geld als Verrechnungseinheiten einzuführen, erinnert an den Versuch
der staatskapitalistisch organisierten Nationalstaaten des Realsozialismus mit Hilfe von Geld die kapitalistischen Triebkräfte zu simulieren. Ihr ersetzt das Geld durch Arbeitszeitscheine, welche letztendlich ebenso einen „Wert“, sprich verausgabte Arbeitszeit darstellen sollen. Mit diesem Kniff wollt ihr einen in Arbeitszeit ausgedrückten Wert bestimmen. Das ist jedoch im Kapitalismus ohnehin die Grundlage für jegliche Preisbestimmung von Waren und Dienstleistungen. Über den anonymen Markt wird unter Abstraktion von der konkret
und individuell geleisteten Arbeitsverausgabung der jeweilige Warenwert nach der gesamtgesellschaftlich notwendigen, durchschnittlich verausgabten Arbeitszeit bestimmt. Die von euch gedachte Planwirtschaft soll diesen anonymen Prozess letztendlich simulieren. Dieser Versuch einer Simulation muss aufgrund dessen Komplexität scheitern. Die durchschnittlich notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit für jede Stufe des Fertigungsprozesses zu bestimmen, würde von absolut jedem Werktätigen das permanente Führen einer Arbeitszeit-Dokumentation mit Zuordnung zum jeweiligen Arbeitserzeugnis erfordern. 

Überhaupt führt euer Ansatz, ausgerechnet die Arbeitszeit zum Kern der Überlegung einer befreiten Gesellschaft zu machen, am Ziel vorbei. Denn die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur durch Abschaffung der Lohnarbeit und die Selbstaufhebung der Arbeiterklasse erreicht werden. Arbeit als gesellschaftlich erzwungene Interaktion des Menschen mit der Natur findet in hierarchisch
organisierten gesellschaftlichen Verbänden, heutzutage Staatsgebilden mit einem entsprechenden Zwangsapparat statt.

Zudem stellt sich die Frage, ob tatsächlich jedes Mitglied der Gesellschaft in der Lage ist, dieselbe Anzahl an Arbeitsstunden zu leisten. Die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden als Grundlage des individuellen Lebensstandards zu machen, erscheint nicht den unterschiedlichen Bedürfnissen verschiedener Individuen gerecht zu werden. Verschiedene Arbeitssituationen wie Nachtarbeit oder Arbeit unter extremen Temperaturen benötigen unterschiedliche Regenerationszeiten. Körperlich
und mental sind nicht alle Menschen gleich lange belastbar. Doch unterschiedliche Arbeitszeiten oder auch der persönliche Ausfall aus gesundheitlichen, familiären oder anderen Gründen würden nach eurem Modell System das Gleichstellungsprinzip verletzen. Wenn das Unvermögen oder auch der Unwille Einzelner sich produktiv zu betätigen, bestraft wird, muss von Arbeitszwang gesprochen werden.

Ein weiteres wesentliches Manko der Demokratischen Arbeitszeitrechnung ist die fehlende Einbeziehung der Ausbeutung von Natur. Der Verbrauch natürlicher Ressourcen geht nicht in die Berechnung ein und wird damit genauso wenig berücksichtigt, wie es heutzutage im extraktiven Kapitalismus der Fall ist. Dasselbe gilt für die Vergiftung von Mensch und Umwelt. Die ökologischen Kosten der Interaktion des Menschen mit der Natur werden außen vor gelassen. Wir erleben im Kapitalismus eine sich immer weiter beschleunigende Umwandlung von Materie in Waren und damit einhergehend der Vernichtung unserer Lebensgrundlagen. Im Modell der Demokratischen Arbeitszeitrechnung ist kein ökonomischer Hebel zu erkennen, welcher diesem Wahnsinn Einhalt gebietet. 

Die Abschaffung der Ausbeutung und Unterdrückung durch Vergesellschaftung wird von euch propagiert. Durch den Verfall der Arbeitszeitscheine nach deren Eintausch gegen Lebensmittel oder andere Gegenstände, soll die Akkumulation von Werten in privater Hand verhindert werden.

Die vorgetragenen Überlegungen basieren auf der Vorstellung, dass bereits die Abschaffung von Privateigentum an Grund und Boden, als auch an den Produktionsmitteln zum Sozialismus führt. Wie wir jedoch am Beispiel des real existierenden Sozialismus der staatskapitalistisch organisierten Länder erleben durften, ist neben dem Besitz an, die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, sowie Grund und Boden eine wesentliche Kategorie, welche Herrschaft konstituiert.

Nachdem ich nun euer Modell einer Demokratischen Arbeitszeitberechnung ausführlich kritisiert habe, muss ich eingestehen, dass ich meinerseits keine zündende Idee habe, alle von euch und mir aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Mein Genosse Günther schreibt in seiner Antwort an euch richtigerweise „Wie der Sozialismus aussieht, wissen wir gegenwärtig nicht. Und wird vielleicht auch zu keinem Zeitpunkt vorformuliert werden können. Der Sozialismus müsste sich als historische Entwicklung aus der gesellschaftlichen Bewegung heraus entfalten, er kann nicht als ‚ausgedachter‘ Plan hineinoperiert werden.“ Tatsächlich werden meiner Meinung nach auch in unserem eigenen Selbstverständnispapier teilweise zu eurem Vorschlag analoge aber auch andere Fehlannahmen und Zukunftsprojektionen vorgenommen. Wir versteigen uns darin, in unserer Idee einer sozialistischen Gesellschaft Investitionen weltweit politisch steuern und die Weltwirtschaft wie einen einzigen Betrieb führen zu wollen. Das dafür notwendige bürokratische Monster möchte ich mir nicht einmal im entferntesten vorstellen. Auch der Arbeitszwang soll unter dem geschönten Begriff der „Vollbeschäftigung“ beibehalten werden. Und während euer Vorschlag die Natur – neben der menschlichen Tätigkeit – als zweite entscheidende Quelle gesellschaftlichen Reichtums ignoriert, steht im Selbstverständnispapier der KSP, dass im real existierenden Kapitalismus der überwiegende Reichtum durch Maschinen geschaffen wird, was ziemlich absurd ist. Also bitte, versteht mein Anschreiben als solidarische Kritik von jemanden, der es auch nicht besser weiß. 

Manu

Lieber Hans-Achim, wir haben den Eindruck, dass hier viele Missverständnisse über die Arbeitszeitrechnung vorhanden sind und auch einiges durcheinander gerät. Wie mit Günther bereits besprochen, sprechen wir gerne persönlich weiter. Die Kommentarspalte ist nicht der richtige Ort, um inhaltlich auf deine Punkte zu reagieren und wir wollen hier auch keine Fronten verhärten, sondern versuchen konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen und
Gemeinsamkeiten ausfindig machen. Lass uns deine Kritik also gerne an anderer Stelle aufgreifen und besprechen. Liebe Grüße Manu

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